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Polizei rüstet sich für Pensionierungswelle in Kempen und Viersen

Die neuen Kommissaranwärter der Wache Kempen : Berufsstart für den Polizeinachwuchs

Immer mehr Menschen bewerben sich für eine Ausbildung bei der Polizei. Doch viele Aspiranten haben Defizite etwa in Sport und Rechtschreibung, sagt eine Personalwerberin. Dabei ist der Zeitpunkt jetzt sehr günstig, auch in Kempen.

(emy) Das Interesse an einer Karriere bei der Polizei steigt. 2009 bewarben sich auf die 1100 Stellen in NRW 6424 Kandidaten. Inzwischen werden mehr Stellen besetzt: 2560 sind es in diesem Jahr. Und auch die Zahl der Bewerber ist deutlich höher geworden. Für die Ausbildung, die am 1. September beginnt, reichten 11 392 Männer und Frauen ihre Unterlagen ein. Gleichzeitig steht die Polizei vor neuen Herausforderungen: „Die Qualität der Bewerber nimmt ab“, sagt Personalwerberin Susanne Herrmann. Dabei wäre der Zeitpunkt für eine Einstellung jetzt genau richtig: Für 2024 wird der Höhepunkt einer Pensionierungswelle erwartet, wovon auch die Kreispolizeibehörde (KPB) Viersen betroffen ist.

In den 1970er und 1980er Jahren seien viele Polizeibeamte eingestellt worden, berichtet Herrmann. Aufgrund von Sparmaßnahmen seien die Zahlen dann zunächst zurückgegangen, bevor ab etwa 2000 wieder aufgestockt worden sei. Dadurch sei bei der Altersstruktur ein „Mittelbau“ nicht vorhanden.

Auch die Beamten der Viersener KPB sind im Durchschnitt 47,46 Jahre alt. Bis Ende 2024 werden 134 Pensionierungen vorgenommen, im Jahr 2024 allein 24, sagt eine Sprecherin. Insgesamt gibt es in der KPB rund 430 Beamtenstellen.

Zu denen, die ihre Ausbildung 2019 begonnen haben, gehören Anika Gietz und Julian Friedel. Seit Mitte Juli sind sie für ihr Praktikum in der Wache in Kempen eingesetzt und dafür bis Ende August in der Thomasstadt sowie in Willich, Tönisvorst und Grefrath unterwegs. Aus ihrem Jahrgang gehören 14 Kommissaranwärter zur Wache Kempen, 16 zur Wache in Viersen.

Verkehrskontrollen und
Unfälle zu Beginn

Anika Gietz und Julian Friedel sind im Schichtdienst eingesetzt und fahren jeweils als dritte Person in einem Team mit. Sie nehmen Unfälle auf, führen Verkehrskontrollen durch und sind bei Einsätzen mit dabei. Für den 22-jährigen Julian Friedel ist es der Traumberuf. Er hatte ein Wirtschaftsingenieurwesen-Studium begonnen, aber dann „wollte ich in die Praxis, was erleben und jeden Tag etwas anderes machen.“

Die 23 Jahre alte Anika Gietz aus Kempen hat bereits eine Ausbildung zur tiermedizinischen Fachangestellten absolviert und ein Jahr gearbeitet, bevor es sie schließlich doch zur Polizei zog. Solch eine Laufbahn sei häufiger zu beobachten, sagt Personalwerberin Herrmann: „Mittlerweile bewerben sich bei uns viele mit Mitte, Ende 20 nach einem Studium oder einer ­Ausbildung.“

Diese Lebenserfahrung werde durchaus begrüßt. „Nach dem Abi hätte ich mich noch nicht reif genug gefühlt“, sagt Anika Gietz. Julian Friedel bestätigt: „Wenn man bereits alleine gelebt hat, ist man motivierter und ehrgeiziger.“

Personalwerberin Herrmann sitzt in Duisburg, einer der zehn Ausbildungsbehörden in NRW. Sie begrüßt das zunehmende Interesse für eine Laufbahn bei der Polizei. Allerdings werde die Einstellung schwieriger. „Zum Beispiel bei der Rechtschreibung sind bei vielen Defizite zu erkennen“, sagt sie.Zudem sei für die Einstellung zwar nicht mehr wie früher ein Sporttest nötig, aber doch Nachweise wie etwa das Sportabzeichen in Bronze. „Die Bewerber machen weniger privat und im Verein Sport“, sagt sie. „Wir sehen, dass viele nur noch ins Fitnessstudio gehen.“ Und nicht alle schaffen das dreijährige duale Studium: Die Durchfallquote liegt bei 20 Prozent.

Ihr Einsatzgebiet sei zwar ruhiger als etwa Duisburg, berichten die Kommissaranwärter. „Aber wir lernen alles, wenn auch die Zeitabstände nicht so regelmäßig sind wie in Viersen“, sagt Anika Gietz. Ihr Vorteil: „Wir können sehr viel fragen.“