Pogromnacht in Kempen: Nach dem Nazi-Terror gab es abends Martinslieder

Pogrom: Nach dem Nazi-Terror gab es abends Martinslieder

Deutschlandweit herrschte vor 80 Jahren der Terror der Nazis gegen Juden. Auch in Kempen wurde es im November 1938 dramatisch – ein Überblick über die Ereignisse.

Es ist Donnerstagvormittag, der 10. November 1938, morgens um 8 Uhr:  In den NSDAP-Dienststellen zwischen Schiefbahn und Kaldenkirchen laufen die Telefone heiß. Von Krefeld aus ruft der dortige Propagandaleiter, der SA-Sturmführer Paul Tack, die örtlichen Nazi-Führer im NS-Kreis Krefeld-Kempen an und übermittelt ihnen den Befehl, die Einheiten der braunen Schlägertruppe, der Sturmabteilung, abgekürzt SA, mobil zu machen. Sie sollen überall die Synagogen in Brand setzen und die jüdischen Geschäfte und Wohnungen demolieren.

Als ersten hat Tack den höchsten SA-Führer des Kreises alarmiert, den Sturmhauptführer Hans Gass, wohnhaft in Viersen. Gass soll sich die bedeutende jüdische Gemeinde des  Kreissitzes Kempen vornehmen. Um 8.45 Uhr trifft der Viersener in der Dienststelle des Kempener SA-Sturms, Kirchplatz 10, ein und gibt die entsprechenden Befehle.

Eine Dreiviertelstunde später poltern sechs uniformierte SA-Männer unter dem Kempener SA-Sturmführer Ernst Sipmann in die Synagoge. Sie werfen die Bänke um, zerschlagen die Fenster, nehmen die Kultgegenstände an sich, zertrümmern mit Äxten die Heilige Lade, die die  Tora-Rollen birgt. Mithilfe eines mitgebrachten Benzinkanisters  zünden sie die Holzfragmente an. Bis nach Mülhausen ist die Rauchwolke des brennenden Gebäudes zu sehen. Auf der anderen Straßenseite sammelt sich eine Menschenmenge an und betrachtet das gebrandschatzte Gotteshaus – wie eine schwarze, schweigende Wand.

Aber da ist noch ein anderer Befehlsstrang: die Nachrichten-Kette der Polizei. Im Kempener Landratsamt an der Hülser Straße sitzt damals ein Verbindungsmann der Kreisverwaltung zur  Geheimen Staatspolizei: der Oberinspektor Alexander Bürger. Aus Berlin, weitergeleitet nach Düsseldorf, erhält er die Weisungen der obersten Gestapo-Führung zur Durchsuchung der jüdischen Wohnungen nach „Beweisstücken“ einer Verschwörung gegen das deutsche Volk und zur Verhaftung der jüdischen Männer. Um 8.15 Uhr gibt er sie an den Kempener Polizeichef Walter Rummler weiter.

Rummler, pflichtbewusst und korrekt, informiert den Kempener Bürgermeister Dr. Gustav Mertens über die bevorstehende „Judenaktion“, woraufhin Mertens den Löschwagen der Kempener Feuerwehr an der Umstraße auffahren lässt. Mit dem Auftrag, nicht die brennende Synagoge zu löschen, sondern die benachbarten „arischen“ Häuser vor Funkenflug zu schützen. Vorsorglich wird die Gasleitung zur Synagoge abgestellt, um das Stadtviertel nicht zu gefährden. Als alles vorbereitet ist, setzt Hauptmeister Rummler um 9 Uhr seine fünf Polizisten in Marsch, jeweils begleitet von einem SA-Mann. Zur Verhaftung der 25 jüdischen Männer braucht er, wie er meint,  Verstärkung durch die Sturmabteilung. Die hat er vorher beim Kempener Arbeitsamt an der Wiesenstraße angefordert, dem inoffiziellen Stützpunkt der örtlichen SA.

Diese erste Durchsuchungsaktion läuft noch ziemlich ruhig ab. Die jüdischen Männer werden im Polizeigefängnis an der Umstraße zusammengepfercht; durch zwei vergitterte Fenster beobachten sie das Niederbrennen ihres Gotteshauses. Am Abend werden sie in das „KZ Niederrhein“, das Zuchthaus Anrath, gebracht, und von dort nach zwei Tagen weiter in das KZ Dachau.

Aber dem fanatischen SA-Führer Hans Gass aus Viersen ist das nicht genug. Um 11.30 Uhr befiehlt er eine zweite Durchsuchungsaktion, diesmal nur durchgeführt durch die SA. Jetzt zeigt die jahrelange antisemitische Propaganda ihre Wirkung. Es wird ausgiebig zerstört und geplündert. Eine größere Anzahl Zuschauer, vor allem Kinder, begleitet die Täter auf ihrem Weg durch die Stadt.

Auf einem Fass vor der brennenden Synagoge steht SA-Sturmführer Ernst Sipmann. Aus dem geschändeten Gotteshaus hat er den Tora-Weiser mitgenommen. Das ist ein etwa 60 Zentimeter langer, mit Sternen verzierter Stab, mit einer stilisierten Hand an seiner Spitze, mit dem beim jüdischen Gottesdienst der Vorlesende in der Schriftrolle die Worte verfolgt, die er aus Ehrfurcht nicht berühren will. Sipmann fuchtelt mit diesem Stab in der Luft herum und kündigt an: „Auf wen der zeigt, der wird getötet werden!“ Wie er das meint, demonstriert er anschließend, als er sich mit seinen SA-Leuten auf den Weg macht, um die jüdischen Wohnungen und Geschäfte heimzusuchen: Mit dem geraubten Tora-Weiser zeigt er auf die Eingänge der Wohnungen, in die man eindringen will, und schlägt mit ihm die Fensterscheiben kaputt.

Am Abend zieht wie an jedem 10. November der Martinszug durch die Straßen. Vor dem Laden der jüdischen Händlerin Linchen Winter, Umstraße 8,  sehen die  singenden Kinder die auf die Straße geworfenen Einrichtungsgegenstände und Lebensmittel liegen: Mehl, Zucker, Einmachgläser. Sie recken die Hälse; aber vor der Synagoge stehen noch Kempener Feuerwehrleute, die Brandwache halten. Sie drängen sie: „Singen! Weitergehen!“ „Wir zogen singend daran vorbei“, hat sich der Zeitzeuge Erich Wüllems erinnert. „Immer, wenn der St. Martins-Zug durch Kempen zieht, kommen die Bilder aus der Vergangenheit zurück.“ Im Protokoll des St.-Martins-Vereins ist von den beschämenden Ereignissen, die dieser Tag gebracht hat, freilich nicht die Rede, im Gegenteil: „Es war eine reine Freude für Junge und Alte“, heißt es da in der Rückschau.

Die Geschichte Kempens zur Zeit des Nationalsozialismus hat der Historiker Hans Kaiser im zweibändigen Werk „Kempen unterm Hakenkreuz“ zusammengefasst. Darauf basiert dieser Artikel.

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