Parkinson: Selbsthilfe-Initiative und Sport für Erkrankte in Kempen

Selbsthilfe-Initiative Parkinson in Kempen : Parkinson: Sport hilft Erkrankten

Die Kempener Selbsthilfe-Initiative will Parkinson-Betroffenen und Angehörigen Mut machen und ihren Austausch untereinander intensivieren – über den Sport hinaus.

Marlene Krey war  32 Jahre alt, als ihr die ärztliche Diagnose Parkinson  mit auf den Lebensweg gegeben wurde. 30 Jahre ist das her. Seitdem lebt die gebürtige St. Töniserin mit der Erkrankung des zentralen Nervensystems, die im Volksmund Schüttellähmung genannt wird. Schütteln, weil Zittern eine Begleiterscheinung von Parkinson sein kann. Lähmung, weil der langsam fortschreitende Verlust von Nervenzellen die Bewegungsabläufe Betroffener stört, sie verlangsamt. Die Muskeln versteifen.

„Ich habe nie mit meinem Schicksal gehadert“, sagt Marlene Krey. Die 62-Jährige hat ihre Krankheit früh akzeptiert  und bietet ihr seit Erkennen die Stirn.  „Ich bin medikamentös gut eingestellt, versorge mich noch selbst.“ Im Alltag hat sie mit Schwankungen in den Bewegungsabläufen zu tun. „Innerhalb von kurzer Zeit kann ich von Beweglichkeit in Starre verfallen.“ Ihre Antwort darauf ist der Sport. „Bewegung ist das A und O.“

„Ich hatte Rückenbeschwerden und bin in meinem Alltag nicht mehr klar gekommen, weil ich langsamer wurde“, erzählt Marlene Krey über die Zeit, in der die Krankheit in ihrem Leben und Tun sichtbar wurde.  Kollegen fiel eine ungewohnte Trägheit an ihr auf. Krey ging ihrem Befinden auf den Grund. „Ich bin an eine gute Ärztin geraten.“

Sich informieren, mit Fachleuten reden, mit den Ärzten ein Team bilden, sich mit anderen Betroffenen austauschen – das ist Marlene Krey bis heute wichtig. Mit Günter Madré hat sie vor knapp einem Jahr in Kempen aus der Sportgruppe von Herbert van den Bosch für Parkinson-Erkrankte heraus eine Parkinson-Selbsthilfe-Initiative gegründet.

Dass nun quasi vor der Haustür mit Chefarzt Dr. Lars Wojtecki ein ausgewiesener Parkinson-Fachmann im Neurozentrum des Hospitals erreichbar ist, empfinden Krey und Madré als große Bereicherung.   Sein Vortrag vor einem Monat, zu dem 120 Gäste kamen, habe gezeigt, wie groß der Bedarf sei, wie viele Betroffene es gibt.

Die Beweglichkeit trainieren
– das ist eminent wichtig

Günter Madré, 71, weiß seit gut zehn Jahren, dass er an Parkinson erkrankt ist. „Meine Hand zitterte, wenn ich beispielsweise nach einem Glas griff. Mein Sohn fragte dann, warum meine Hand so zitterte.“

„Ich wusste damals nichts über die Krankheit, nur, dass sie nicht lebensbedrohlich ist.“ Er sei, sagt Madré, medikamentös gut eingestellt. Seit sieben Jahren besucht Madré die Sportgruppe des Kempener Leichtathletik-Clubs (LC) für Parkinson-Erkrankte. Marlene Krey kommt seit eineinhalb Jahren dazu.

„Sport ist für Parkinson-Erkrankte eminent wichtig. Dadurch wird die Beweglichkeit trainiert. Die Probleme des Freezings, der plötzlichen  Bewegungsstarre, die man sich wie ein Einfrieren vorstellen muss, und des Rigors, der sogenannten Muskelspannung und -steifigkeit, können durch gezielte Übungen stark reduziert werden“, sagt Herbert van den Bosch.

Er hat die Erfahrung gemacht, dass viele Parkinson-Betroffene die Krankheit zunächst nicht wahrhaben wollten. Das Wichtigste aber sei, ist van den Bosch überzeugt, dass man die Krankheit anerkenne. „Man sollte sich sagen: Okay, das habe ich und damit muss ich klarkommen.“  Ihm selbst sei im Alter von 16 Jahren gesagt worden, dass er Diabetes und nur noch fünf Jahre zu leben habe.  „Ich bin gesund geblieben. Durch viel Disziplin und viel Sport.“ Man müsse auch wollen und die Angst schon mal an die Seite stellen.

2009 wurde van den Bosch auf einen Sportkurs für Parkinson-Erkrankte aufmerksam gemacht, in dem zuvor Kempener und Gelderner gemeinsam trainierten. Van den Bosch legte die Übungsleiterprüfung für den Fachbereich Neurologie ab, trainiert seitdem mit Schlaganfallpatienten und Parkinson-Erkrankten.  Seit 2012 trägt der LC Kempen das Angebot.

Durch den Sport bekämen Betroffene mehr Selbstsicherheit. „Nehmen wir das Freezing als Beispiel. Wenn es Ihnen an der Kasse passiert, Sie nicht vom Fleck kommen… Das Problem ist dann auch die Nervosität, wenn andere drängeln.“ Regelmäßiges Training  helfe  Kopf und Körper.

Van den Bosch arbeitet donnerstags mit der Sportgruppe. Mal kommen nur vier oder fünf Parkinson-Erkrankte, ein anderes Mal ein Dutzend. Das Leistungsspektrum der Gruppe sei sehr unterschiedlich. Er reagiert darauf mit gezielten, individuell abgestimmten Übungen.

Marlene Krey rät anderen dazu, alles auszuprobieren, was die Bewegung in Gang setzen kann. Tanzen könne beispielsweise Blockaden lösen. Tischtennisspielen auch, weil sich viele an frühere Bewegungsabläufe erinnerten. „Demnächst wollen wir es mit Trommeln versuchen.“

Sich Ziele setzen – auch das sei ein wichtiger Faktor, um mit der Krankheit besser umgehen zu können. Ihr eigener Vater, heute 92 und seit einigen Jahren an Parkinson erkrankt, sei ihr  tägliches Vorbild. Marlene Krey hat sich 2018  ein Ziel gesetzt, das sie nun bald erreichen will. Sie hat sich nach einem Gespräch mit Dr. Lars Wojtecki zu einer „Tiefen Hirnstimulation“,  einer Hirnschrittmachertherapie, entschlossen. „Ich bin in der Uniklinik in Düsseldorf angemeldet“, sagt sie und lächelt: „Ich habe drei Enkelkinder, mit denen ich spielen und die ich betreuen möchte. Das kann ich zurzeit nicht.“

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