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„Ohne mich wäre der heilige Martin ein armer Mann“

„Ohne mich wäre der heilige Martin ein armer Mann“

Schimmelstute Primula, genannt Primel, über Jüppi Trienekens und ihre tragende Rolle im St. Martinszug in Kempen — Redakteurin Kerstin Reemen hat dem Pferd genau „zugehört“.

Kempen/St. Tönis. Ohne mich wäre St. Martin ein armer Mann. Ein Fußgänger. Der Festgesang ein „Loop, Martin, loop“. Mit Helm erreichte der Mann bei aller Stattlichkeit doch allenfalls Regenschirm-Unterkante. In dem Meer der bunten Laternen und Fackeln, die jedes Jahr an Stöcken durch Kempens Altstadt-Gassen getragen werden, fiele St. Martins glänzende Kopfbedeckung nicht einmal auf.

„Ohne mich wäre der heilige Martin ein armer Mann“
Foto: dpa

Bei aller Bescheidenheit: Ohne mich wäre das Martinsfest nicht dasselbe. In Kempen nicht. Und in St. Tönis ebenfalls nicht. Da bin ich nämlich auch gebucht.

Die Begegnung mit dem Bettler am Feuer wäre nicht so beeindruckend. Die Mantelteilung am Boden wie eine Bühnenshow im Orchestergraben. Zum Wiehern! Schon ab der zweiten Reihe sähe man nichts.

Und so werde ich, Primula, genannt Primel, mich auch in diesem Jahr wieder satteln lassen, um an zwei hohen Festtagen in Kempen Martin Jüppi Trienekens auf meinen kräftigen Pferderücken zu nehmen. Er und ich — wir sind eine Einheit. Wir sind St. Martin.

Vorbei geht es für uns an gut und gerne 30 000 Menschen. Vor allem, wenn das Wetter hält. Ich prophezeie: Am nächsten Freitag ist die Altstadt dicht!

Primel über das Martinsfeuer

Wir werden vorneweg ziehen. Und ganz vorne sein: Auf In-stagram, Facebook und den SD-Karten der Handys. Wer uns sieht, der macht auch ein Foto von Martin und seiner Schimmelstute.

St. Martin ist das Ereignis im November, ach, was sag ich, im Jahresverlauf. Kulturerbe in Kempen. Am gesamten Niederrhein. Neuerdings soll auch die ganze Welt davon überzeugt werden. Mich würde es freuen. Aber ich warte ab.

Und ziehe bis dahin meine Runden übers Altstadtpflaster. Ich bin vorbereitet. Mit meinen zehn Jahren bin ich eine erfahrene Zugteilnehmerin. Jüppi sagt über mich, ich sei schöne 1,68 Meter groß, ruhig, aber aufmerksam, vor allem „kein Drömelstier“. Das freut mich zu hören. Ich sehe es genauso.

Meine Trainerin Daniela Paschertz im Reitstall Schmitz in Krefeld-Oppum, dort, wo ich seit sechs Jahren zu Hause bin, behauptet, ich machte es den Reitern leicht, hätte einen gesunden Vorwärtsdrang. Ja, das stimmt. Ich bin viel lieber im Gelände als in der Halle. Vor nichts und niemandem habe ich Angst, sogar dann nicht, wenn ich, eingespannt in einer Kutsche, mir den Weg durch den fließenden Verkehr bahne. Ich bin viel und gern unterwegs.

Besonders trainiert werden muss ich daher nicht. Den Jüppi sehe ich nur an zwei Tagen im Jahr. Am 9. und am 10. November, jeweils kurz vor den Zügen. Wir beide, ich, die brave Schimmelstute besten Alters, und er, der erfahrene Springreiter, wir brauchen keine Eingewöhnungszeit füreinander. Uns reicht die Viertelstunde, die wir gemeinsam von unserem Treffpunkt aus bis zum Aufstellplatz reiten, um ein Gefühl von Ross und Reiter zu bekommen. Jüppi übt dann immer schon das Winken.

Ich fühle mich vor diesen Auftritten immer prima. Schon vormittags werde ich gewaschen, damit mein Fell genügend Zeit hat zu trocken, bevor ich nachmittags den Pferde-Transporter besteige. Und ich bekomme Pausen, um zwischendurch genug zu fressen. Denn Kempens Zug ist lang.

Ich gehöre nicht zu den Pferden, die das Feuer scheuen. Trotzdem ist, das spüre ich unter dem Sattel, der Moment der Mantelteilung für Jüppi ein besonders kribbeliger. Da habe er immer eine Hand zu wenig, sagt er. Die Szene sei eine motorische Herausforderung. Fragt mich mal.

Dabei habe ich ihn noch nicht im Stich gelassen. Es sind außerdem immer zwei Begleiter vom Reitstall in der Nähe. „Martin“ Jüppi hält mich für ein „würdevolles Pferd“. Für die Zeit des Zuges will ich ihm nicht widersprechen.

Aber er müsste mich mal zu Hause in Oppum erleben. Am liebsten, hat Daniela Paschertz gerade erst in einem Interview mit der WZ erzählt, würde ich mich im Dreck wälzen. In Sand und Dreck. Ja, auch das trifft zu! Aber dann bin ich solo unterwegs. Denn den Martin, den lasse ich immer in Kempen.