Notaufnahmen sind stark belastet

Notaufnahmen sind stark belastet

Immer mehr Patienten ziehen das Krankenhaus dem Hausarzt vor. Das Hospital in Kempen wünscht sich eine „vorgeschaltete Notfallpraxis“.

Kempen/St. Tönis. Die Notaufnahmen der deutschen Krankenhäuser sind überlastet. Das zumindest sehen Experten aus der Ärzteschaft so. Jüngst wurden Forderungen laut, dass Patienten, die die Notaufnahmen aus Bagatelle-Gründen aufsuchen, eine zusätzliche Gebühr bezahlen sollen. Kassenärztliche Vereinigungen und auch ein Sachverständigenrat der Bundesregierung brachten diese Lösung in der vergangenen Woche ins Spiel, um die Notaufnahmen in Krankenhäusern wieder zu entlasten. Verschiedene Krankenkassen lehnen eine entsprechende Gebühr ab (die WZ berichtete).

Foto: Kurt Lübke

Die hohe Belastung in den Notaufnahmen der Krankenhäuser ist allerdings nicht von der Hand zu weisen. Das bestätigt eine Recherche der WZ in den Häusern in Kempen und St. Tönis. Bereits im Herbst vergangenen Jahres sprach Clemens Guth, Geschäftsführer beim Hospital-Inhaber Artemed, davon, dass die Kempener Notaufnahme seit 2015 einen massiven Anstieg der Patientenzahlen verzeichnet hat — um etwa zehn Prozent. Vor inzwischen drei Jahren wurde die Versorgung in den sogenannten Notdienstpraxen neu geordnet. Konkret wurde die Notfallpraxis in Lobberich geschlossen. Übrig geblieben ist nur die Praxis am Viersener Krankenhaus, die für den gesamten Kreis Viersen zuständig ist — von Schiefbahn bis Elmpt.

Seit dieser Neustrukturierung 2015 hat auch das Krankenhaus der Alexianer in St. Tönis einen Anstieg verzeichnet, wie Sprecher Frank Jezierski bestätigt. Seitdem sei die Belastung für die Mitarbeiter auf einem sehr hohen Niveau. Insbesondere Patienten mit sogenannten Bagatelle-Fällen seien zu den wirklichen Notfällen hinzugekommen. Allerdings lasse sich das nicht durch statistische Werte belegen.

Zurück nach Kempen: Dort wird nach Angaben der Hospital-Geschäftsführung weiterhin ein Anstieg der Fallzahlen in der zentralen Notaufnahme verzeichnet. Im Vergleich zu 2017 seien es in diesem Jahr zwölf Prozent mehr Patienten, die die Notaufnahme in Kempen aufsuchen.

Geschäftsführer Thomas Paßers spricht von einem „ständigen Anstieg“. Demnach sei diese Entwicklung nicht ausschließlich auf die Schließung der Notdienstpraxis in Nettetal 2015 zurückzuführen. „Vielmehr ist es so, dass es immer mehr Patienten gibt, die sich direkt an ein Krankenhaus und nicht an die niedergelassenen Ärzte wenden“, so Paßers. Grippale Infekte, Rückenschmerzen — mit diversen nicht notfallartigen Problemen dieser Art würden Patienten im Krankenhaus auftauchen.

Vom Vorschlag, eine Kontaktgebühr oder ähnliche Bezahlmodelle einzuführen, hält der Kempener Klinikchef nicht viel. „Den Zufluss ins System mit Geld zu regulieren, halte ich für problematisch. Das könnte dazu führen, dass Patienten sich zu spät melden, weil sie die Zahlung scheuen“, sagt Thomas Paßers.

Ein Lösungsansatz ist aus Sicht des Geschäftsführers, die Notfallstruktur gemeinsam mit den niedergelassenen Ärzten zu stärken. Konkrete Ideen gebe es dazu noch nicht. Einen Ansatz bringt Leiter Thomas Paßers dennoch ins Spiel: „Eine vorgeschaltete Notfallpraxis wäre für unser Haus die beste Lösung. Dann könnten sich die Kollegen in der zentralen Notaufnahme voll auf die schweren Notfälle konzentrieren.“