Nach 34 Jahren bei der Stadt Kempen blickt Hans Ferber zurück

Kempen. : Panik? Für den Beigeordneten Ferber ist das ein Fremdwort

Seit 34 Jahren arbeitet Hans Ferber bei der Stadt Kempen. Der gebürtige Münsteraner hat die Entwicklung der „Perle vom Niederrhein“ im Rathaus am Buttermarkt also entscheidend geprägt. Nun wechselt der Erste Beigeordnete in den Ruhestand.

An seinen ersten Arbeitstag bei der Stadt Kempen am 1. Oktober 1985 kann sich Hans Ferber noch gut erinnern. Auch deshalb, weil der Erste Beigeordnete noch im Besitz eines WZ-Tischkalenders von damals ist. So findet man darin für den 2. Oktober 1985 den Eintrag „10 Uhr Hensel“. Bei Karl Hensel, dem damaligen Ersten Beigeordneten und späteren Stadtdirektor und Bürgermeister, meldete sich der neue Rechtsamtsleiter Ferber aber schon am 1. Oktober zum Dienst. Hensel nahm Ferber kurzerhand mit in die Konferenz des Verwaltungsvorstands, die damals wie heute dienstags tagt.

„Diese Sitzung dauerte fünf Stunden – damals ohne Tagesordnung und ohne Protokoll“, so Ferber. „Am Ende blieb man als Neuling etwas ratlos zurück“, sagt Ferber und lacht. „Meine Familie lebte damals noch in Münster und ich hatte eine kleine Dienstwohnung, die nicht eingerichtet war. Ich schlief auf einer Luftmatratze. Ich weiß noch, dass ich am Abend meines ersten Arbeitstages gegenüber meiner Frau am Telefon gezweifelt habe, dass ich lange in Kempen bleiben werde.“ Diese Zweifel bestätigten sich nicht. Der gebürtige Münsteraner hat die Stadt Kempen beruflich nicht mehr verlassen. Am 12. Juli endet Ferbers aktive Laufbahn nach 41 Dienstjahren – 34 davon in Kempen.

Die damalige Prognose sei natürlich nur aus einem ersten Eindruck heraus entstanden, sagt der 65-Jährige, während er in seinem Büro im Rathaus mit Blick auf den Kirchplatz sitzt. „Ich habe mich eigentlich sehr schnell in Kempen wohlgefühlt. Und ich hatte mich auch auf die Stelle hier beworben, weil mir der Zuschnitt zusagte“, so Ferber. Als Stadtrechtsrat sei er damals eine Art Einzelkämpfer gewesen – „sehr reizvoll“ zum Start seiner Karriere. Es folgten diverse Beförderungen bis zum Stadtrechtsdirektor (1997) und schließlich die Wahl zum Beigeordneten – unter anderem für die Bereiche Soziales und Senioren (ab 2000). In dieser Zeit hat Ferber nach eigenen Angaben an Projekten mitgewirkt, auf die er „ein Stück weit stolz“ sei. „Da gehört der Bau des St. Peter-Stiftes genauso dazu wie die Entwicklung der Villa Basels“, so Ferber.

Seit 1997 besucht Ferber an Heiligabend die Rettungswache

Seit 2010 ist Ferber Erster Beigeordneter und folgte damit auf Volker Rübo, der damals das Amt von Bürgermeister Hensel übernommen hatte. Von 2012 an ist Ferber „nur noch“ zuständig für die Bereiche von Haupt- und Personalamt sowie Rechts- und Ordnungsamt. Eine wichtige Aufgabe dabei ist die Zuständigkeit für Feuerwehr und Rettungsdienst. Da sehe er schon eine „besondere Verantwortlichkeit“. Denn die freiwilligen und hauptamtlichen Kräfte opferten ihre Zeit, um Leben zu retten. Diesen Menschen gegenüber fühle er sich verpflichtet, so Ferber. Nicht zuletzt deshalb besucht er seit 1997 immer an Heiligabend die Einsatzkräfte in der Rettungswache – gemeinsam mit dem Leiter des Ordnungsamtes.

Als Jurist hat Ferber im Behörden-Dschungel viel erlebt. Und Veränderungen erkannt, die ihn stören. „Das Geschäft ist sehr kompliziert geworden“, so der Beigeordnete. Ein Grund dafür seien zum Beispiel immer mehr EU-Verordnungen. Vorschriften, die auf das alltägliche Leben in einer Kommune gar nicht zu übertragen seien. So erinnert sich Ferber an eine neue Filter-Verordnung für Lkw und auch Feuerwehr-Fahrzeuge. Eine technische Umrüstung hätte pro Fahrzeug 80 000 Euro gekostet. Allerdings habe so ein Filter-Einbau nur Sinn, wenn das entsprechende Fahrzeug stets mindestens 30 Kilometer am Stück zurücklegt. „Jetzt zeigen Sie mir mal ein Feuerwehrfahrzeug, das in Kempen 30 Kilometer zu einem Einsatz unterwegs ist.“ Gemeinsam mit anderen Kommunen habe man sich daher von dieser Verordnung befreien können.

Veränderungen hat Ferber auch im Anspruchsdenken der Bürger wahrgenommen. „Wenn zum Beispiel ein Bürger in die Innenstadt zieht und dann sofort ab 22 Uhr absolute Ruhe haben will, nur weil er für seine Wohnung so viel Geld bezahlt habe, fällt mir nicht mehr viel ein“, gibt Hans Ferber ein Beispiel aus dem Alltag des Ordnungsamtes wieder.

Sorge um die personelle Entwicklung der Stadtverwaltung

Verwaltungsintern macht Ferber die personelle Entwicklung durchaus Sorge. Denn neben dem geplanten Ausscheiden von Ferber wird der Technische Beigeordnete Marcus Beyer nach Krefeld gehen. Zudem will die Mehrheit im Rat den Sozialdezernenten Michael Klee im April 2020 vermutlich nicht wiederwählen. Den Umgang von Teilen der Politik mit dem Kollegen Klee bezeichnet Ferber übrigens als „schwierig“. Und dann wird Bürgermeister Volker Rübo im Herbst des nächsten Jahres aufhören. „Das ist ohne Frage keine glückliche Situation“, sagt Ferber. Dem personellen Umbruch stehe ein Fachkräftemangel gegenüber, wie ihn der öffentliche Dienst bisher noch nicht erlebt habe, sagt der Personaldezernent.

Finanziell sei vom Land nicht viel zu erwarten, um die Jobs in der Verwaltung attraktiver zu machen, sagt Ferber. Daher müsse die Stadtverwaltung fernab von fiskalischen Gründen attraktiver werden. „In diesem Rathaus einen attraktiven Arbeitsplatz zu schaffen, ist aber nicht so einfach. Ein Bewerber sagte mal zu mir, dass das hier alles sehr holzlastig sei“, sagt der Beigeordnete mit Blick auf den sanierungswürdigen Zustand des mehr als 50 Jahre alten Gebäudes am Buttermarkt. „Ich wünsche der Stadtverwaltung und den vielen motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dass dieser Umbruch gut gelingt.“

Die derzeitige Lage im Rathaus sei zwar angespannt, für Ferber aber kein Grund, in Panik zu verfallen. „Ich bin schon in weitaus schlechteren Situationen nicht in Panik geraten“, sagt Ferber und erinnert an zwei längere Krankheitsphasen von Bürgermeister Rübo (2010 und 2018). In beiden Fällen ist Ferber als Vertreter des Bürgermeisters für mehrere Monate in die erste Reihe gerückt. „Eine große Belastung für mich, aber auch für viele andere im Rathaus.“

Vorgesetzter Hensel sprach
gerne von Ferbers „Bier-Ruhe“

Gelassenheit sei damals und generell das Wichtigste gewesen. Ferbers früherer Chef Karl Hensel habe diese Eigenschaft des Westfalen am Niederrhein nicht immer verstanden und gerne „Sie mit Ihrer Bier-Ruhe“ gesagt. Hensel habe sich eben häufiger aufgeregt, sagt Hans Ferber schmunzelnd. „Dafür habe ich aber seine klare Linie geschätzt. Ich konnte mich immer auf ihn verlassen.“

Gemeinsam mit dem Ordnungsamtsleiter und langjährigen Weggefährten Ulrich Eckerleben wird Ferber sich am 12. Juli von den Kolleginnen und Kollegen verabschieden. Und was kommt dann? „Es gibt zwar einige unsittliche Angebote“, scherzt der Vater von zwei erwachsenen Kindern. „Aber ich mache mir keinen konkreten Plan.“ Zunächst wolle er sich mal um seine Gesundheit und ein paar Sanierungen an seinem Haus an der Marie-Juchacz-Straße kümmern. „Was ich danach vorhabe, ist, mich möglicherweise über die Freiwilligenagentur zu engagieren“, sagt der Beigeordnete. Diese habe er mit aufbauen dürfen.

Zunächst aber soll der Terminkalender im Leben des Hans Ferber keine große Rolle mehr spielen. Schließlich bestimmt dieser seit Jahrzehnten den Rhythmus des Westfalen – mindestens seit dem 1.Oktober 1985. Mindestens.

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