Mit Fotografien Geschichten schreiben

Aussagekräftige Porträts sind das Ziel der Fotografin Christel Kremser. Dafür setzt sie sich mit ihren Motiven intensiv auseinander.

Kempen. „Nach den Hausaufgaben durfte ich mit meinem Vater mit auf Streife gehen. Da ist der Kontakt zu Menschen entstanden“, erinnert sich Christel Kremser, Jahrgang 1945. Die Familie lebte damals in Braunschweig, wo der Vater nach dem Krieg in den Polizeidienst eingetreten war. Für das Mädchen besaßen dann auch die Schulferien eine besondere Bedeutung. Der Vater lieh ihr nämlich in dieser Zeit seine Kamera und so begann die Gymnasiastin ungefähr mit 15 Jahren zu fotografieren. Im Badezimmer wurden damals die Filme entwickelt.

Auch der Berufsweg zeichnete sich bald ab. Nach der 10. Klasse verließ Christel die Schule und begann eine Lehre als Fotografin. Doch das reichte ihr nicht und sie studierte künstlerische Fotografie: 1964 bis ’65 und 1984 bis 1990 bei Arno Jansen sowie 1979 bis ’81 bei Detlef Orlopp. Die Liebe zur Fotografie sollte sich nach ihren Vorstellungen als junge Frau auch auf eine persönliche Beziehung niederschlagen: „Ich wollte immer mit einem Grafiker zusammen sein! Aber mein Mann ist bzw. war Förster. Doch das hat mich nie zur Naturfotografie gebracht!“

In einem Fotostudio zu arbeiten, kam für sie auch nie in Frage, denn sie wollte keine gestellten Porträts produzieren. „Ich schreibe Geschichten in meinen Fotografien und auch Milieustudien. Aussagekräftige Porträts sind mein Ziel. Deshalb führe ich erst Gespräche mit der Person und dann fotografiere ich sie an dem Ort, an dem sie lebt oder arbeitet.“

Dabei entstanden nicht nur zahllose Porträtaufnahmen, die sie heute in Aktenordnern aufbewahrt, sondern auch zwei Katalogbücher. Eines zeigt „Scheifes-Änne“ — die Eierfrau vom Kempener Wochenmarkt. Mit diesem kleinen Buch gibt sie dem Betrachter einen sehr persönlichen Einblick in den Alltag der Eierfrau. In ihren Porträts hat sie aber nicht nur einzelne Personen festgehalten, sondern seit 1986 über viele Jahre hinweg auch Paare, wie zwei Brüder und Bauern vom Niederrhein oder andere Menschen bei ihrer Arbeit, die als große Schwarz-Weiß-Aufnahmen in ihrem Arbeitszimmer hängen.

Auch von Porträts, die Paula Modersohn-Becker (1876-1907) gemalt hat, ließ sie sich inspirieren. Deshalb war es ihr wichtig, in der Künstlerkolonie Worpswede zu fotografieren. Seit 1996 — und zuletzt noch im vergangenen Jahr — hat sich Kremser immer wieder für Fotoprojekte dort aufgehalten.

Ihr Drang, „über den Tellerrand zu blicken und rauszugehen“, führte sie 2005 und 2007 nach Paris. Schon zu Schulzeiten hatte sie eine Liebe zur französischen Sprache entwickelt, war als Austauschschülerin in Carcassonne und pflegte Kontakte nach Frankreich. Da war es für eine Fotokünstlerin naheliegend, sich auch einmal in Paris aufzuhalten und dort zu arbeiten. Zwei Atelieraufenthalte in der Cité Internationale des Arts boten ihr Gelegenheit, das Charakteristische der Stadt und die Menschen in ihrem Alltag fotografisch festzuhalten. Ihr „Paarthema Menschen“ stellt Kremser aktuell eher in den Hintergrund.

Im Fotografieren von Stillleben sieht Christel Kremser ihren nächsten Schwerpunkt, aber in abgewandelter Form soll das „Paarthema“ hierbei auch umgesetzt werden.

Sie möchte dabei jeweils zwei Aufnahmen kombinieren, die für sie in einem Zusammenhang stehen. Doch inwieweit ein unbeteiligter Betrachter diese Verbindungen erkennen kann, das ist noch die Herausforderung für die Fotografin.