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Mit dem Fahrrad nach Kempen zur Arbeit - ein Erfahrungsbericht

Niederrhein : Es geht einfach nicht bergab

Das Fahrrad ist eine geniale Erfindung, die zur täglichen Nutzung einlädt. Ich hab es einfach mal gewagt, bin auf den Sattel gestiegen und war im Anschluss in Schreiblaune. Das ist dabei herausgekommen.

Die Ampel an der Kreuzung bei Haus Bellen verlockt bei Rot einfach rüberzufahren. Ich bleibe artig mit dem geliebten Radl stehen. Meinen Kindern erzähle ich immer, wie wichtig es ist, bei der Warnfarbe zu halten. Drum übe ich mich in Disziplin und warte. Obwohl mein Nachwuchs nicht dabei ist und die Verkehrslage es zulassen würde, die Straße flott zu überqueren. Ein Schluck aus der Pulle und es ist grün. Weiter geht’s.

Tempowechsel am Morgen

Aus meiner Fantasie nach Feierabend ins Wasser zu springen wird nix. Der Königshütte-See ist umzäunt. Und: Die Stadt Kempen hat Schilder mit klaren Hinweisen angebracht. Zutrittsverbot - ich akzeptiere es. Später werde ich erfahren, was hier abgeht: Aus dem ganzen Ruhrpott reisen Badelustige an, um hier ihre Freizeit zu genießen. Der Besuch aus dem Umland soll sich sogar mit mitgebrachtem Werkzeug die zugesperrten Tore aufflexen. Sachen gibt’s... Ich kann es kaum glauben.

Letzens war ich in der Wetterau an einem sehr ähnlichen Baggersee baden - nur ohne Zäune. Alles entspannt dort. Der Müll wird von den Leuten mitgenommen. Hier in Kempen scheint es mehr Ärger zu geben. Andere (Bundes-)Länder, andere Sitten?

Zwischendurch trete ich kräftig in die Pedale. So ein Tempowechsel am Morgen regt den Blutfluss an. Endlich kommt mir mal ein Mensch entgegen. Die Inline-Skaterin grüßt nicht zurück, sie hat Stöpsel im Ohr und hört sich vermutlich einen Podcast an. Oder Musik von den Red Hot Chilli Peppers. Kann mir auch egal sein. Ist jedenfalls schön, mal ein Gesicht zu sehen. Auch mit Inlinern lässt es sich am Niederrhein bestens fahren, geht ja nicht bergab, sodass das Bremsen leicht fällt. Ich merke: Mein Sattel könnte etwas härter sein. Naja, gibt schlimmeres.

An der Scheifeshütte, wo der See endet, überhole ich eine ältere Dame auf ihrem Tourenrad. Yes, endlich eine Mitfahrerin. Sie ist schätzungsweise 80 Jahre jung und  trägt Hörgeräte im Ohr. Respekt, liebe Frau, dass sie Fahrrad fahren. Kurz danach ist sie wieder dicht hinter mir, denn ich muss warten. Rot am Kempener Außenring. Ich komme dem Ziel näher - Altstadt, Moosgasse. Ich drücke den Schalter. Die Sonne knallt beim Schluck Leitungswasser („Rohrperle“, wie es ein guter Freund nennt – sportliche Grüße nach Wuppertal an dieser Stelle).

Das Warten bei Rot am Kempener Außenring ist, wie es ist – schön! So sehe ich die Männeken in ihren blechernen Karossen. Sie schauen neidisch, trotz Hitze wegen der Klimaanlage durch geschlossene Fensterscheiben, auf uns Fahrradfahrer und denken sich vermutlich: Das nächste Mal nehme ich auch mein Speichenmobil. Hey klar, manchmal geht es nur mit dem Auto, aber oft genug würde es auch ohne Spritverbrauch gehen. Beim Veloritt ist der Wind zu spüren und frischer Sauerstoff saust in meinen Körper. Die ältere Dame hinter mir weiß sicher über diese Vorzüge Bescheid, sonst würde sie ein Taxi nehmen. Noch schlappe zwei Kilometer bis zur Redaktion. Wenn da nicht die große Baustelle da hinten wäre...

Teil drei folgt nächsten Samstag.

Pendeln Sie auch mit dem Fahrrad und haben Lust ihre Erfahrungen zu teilen? Kennen Sie geheime Strecken? Oder überlegen Sie vom Autositz auf Sattel umzusteigen? Das Fahrradfahren verbindet. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir schreiben und wir uns austauschen.

michael.sender@wz.de