Kempen : „Wir sind wild entschlossen“

Im vergangenen Jahr fiel der Kempener Martinszug Corona zum Opfer. In diesem Jahr will der St.Martins-Verein die Veranstaltung unter Coronabedingungen unbedingt durchführen. Stadt und Schulleiter sind noch zurückhaltend.

Der Martinszug gilt in der Stadt als einer der kulturellen und gesellschaftlichen Jahreshöhepunkte. Seit über 130 Jahren hat das Fest des heiligen Martin in Kempen einen besonders hohen Stellenwert. Alljährlich ziehen Tausende von Schul­kindern am 10. November mit selbst gebastelten Laternen durch die Kempener Altstadt, bestaunen an der Burg mit vielen tausend Besuchern das Großfeuerwerk und nehmen auf dem Marktplatz im Licht des Martinsfeuers die Martins­tüte entgegen.

Im vergangenen Jahr fiel das Großereignis der Corona-Pandemie zum Opfer, die eine solche Veranstaltung einfach nicht zuließ. „Wir haben einmal mit dem Vorstand bisher zusammengesessen, waren 2020 zurückhaltend“, sagt Rainer Hamm, Vorsitzender des St.-Martin-Vereins, der die Veranstaltung organisiert. „Aber wir haben unsere wilde Entschlossenheit bekundet, ihn in diesem Jahr durchzuführen.“ Auf der Internetseite des Vereins sind eindeutige Daten zu lesen: Der Schulkinderzug soll demnach am 10. November um 17 Uhr 15 starten. Der Kleinkinderzug für die 3- bis 6-jährigen Kinder ist bereits am Tag zuvor ab 18 Uhr vorgesehen.

Wobei klar ist, dass auch in diesem Jahr die Corona-Pandemie ihren Einfluss auf die aktuellen Überlegungen haben wird. „Wir haben eine Verordnung, die bis zu 14. September gilt. Nach aktuellen Regeln müssten alle Masken tragen und die 3G-Regeln beachten“, macht Hamm klar. „Dann ist es eben so“, sagt er. Kinder trügen die Masken in den Schulen ja auch. Und man müsse darauf hinwirken, dass sich alle an 3G halten. „In der Regel rechnet man immer mit 30 000 Zuschauern. In Coronazeiten werden es sicher 15 bis 20 000 sein. Das sind auch schon einige“, sagt der Vereinsvorsitzende.

Aber man will das wichtige Signal setzen, dass so etwas gehen kann. „Das ist einfach für Kempen zu wichtig, um es fallen zu lassen. Das sehen die meisten Kempener so.“ Dazu müsse man natürlich mit dem Ordnungsamt sprechen. „Wir haben den Bürgermeister informiert, es unter den gültigen Bedingungen durchführen zu wollen.“

 Und wenn es halt nicht so sein sollte, sagt Hamm, werde man sich etwas überlegen – wie 2020, als man Martinstüten zu den Schulen und Kindergärten brachte, jeweils eine Fackelausstellung gemacht habe. „Das  würden wir ähnlich wieder machen.“

Aber man habe die Schulen angeschrieben und ihnen die eigene Entschlossenheit signalisiert. „Bitte bereitet euch darauf vor“, lautet die klare Botschaft. „Nach den Sommerferien fangen die ja in der Regel mit dem Fackelbasteln an, damit am Freitag vor den Herbstferien die Fackelausstellung beginnen kann.“

Auch über Alternativen ähnlich denen von 2020 wird nachgedacht

Und die Situation jetzt sei schon eine andere als 2020. „Letztes Jahr hätten wir vielleicht für eine Erhöhung des Infektionsrisikos gesorgt. Aber die Verordnung ist ja erlassen worden, um etwas möglich zu machen – vor allem für die, die geimpft sind.“ Bis zum November werde es sicher weitere neue Verordnungen geben, „wo die Inzidenz nicht mehr so eine große Rolle spielen wird“. Da werde man sich dann an die Verordnung halten, die gerade gelte.

  Was die Schulen betrifft, da sind bereits erste Aktivitäten im Gange. „Wir stecken in den Vorbereitungen insofern, als dass wir Fackeln basteln – egal, ob der Zug stattfindet oder nicht, da die Fackelausstellung in jedem Fall stattfindet“, bestätigt der Leiter der Katholischen Grundschule Wiesenstraße, Stefan Ungruhe. Sollte der Zug nicht stattfinden, müsse man sich irgendeine Aktion überlegen. 2020 habe man eine Martinsandacht gestreamt, bei der die Erwachsenen „sich eine Träne verdrücken mussten“. Damals sei die Enttäuschung auch der Kinder groß gewesen.

Aber man habe in den Klassen Aktionen gemacht. Es gab auch Martinstüten. „Der Verein hat zugesichert, dass das wieder gemacht wird.“

Auch in der Regenbogenschule wird schon an den Grundgerüsten für die Fackeln gearbeitet.  „Wir haben das Motto „Rund um´s Meer“, bestätigte Schulleiter Philipp Herz.

Allerdings kann er sich einen Martinszug vor dem Hintergrund der aktuellen Zahlen momentan nicht so richtig vorstellen. „Ich würde ich freuen, wenn es klappt. Aber da muss sich was Grundlegendes ändern.“ Beim Martinszug gehe es ja auch ums Singen. „Und es ist gefährlicher mit Singen, und dann Singen mit Maske?“ Dazu kommt, dass die Grundschüler weit davon entfernt sind, geimpft zu sein. Und nicht zuletzt müsse man ja die Zuschauer irgendwie kontrollieren. „Das ist ja wie Straßenkarneval. Wenn man den Zug kennt, weiß man, was da los ist.“ Auf die kreativen Lösungen für das Problem sei er gespannt.

In der Gesamtschule wurde am Dienstag in der Lehrerkonferenz beraten, welche Fackelmodelle in Frage kommen ud welche Klasse welches Modell baut. „Wir sind handfest dabei, das Laternenthema zu klären“, sagte Schulleiter Uwe Hötter.

In Sachen 10. November fahre man zweigleisig: Man hoffe auf den Zug, werde sonst auf Alternativen an der Schule setzen. Im letzten Jahre habe man taktversetzt in der Aula Martin-Rollespiele gemacht und die Geschichte des Martin gelesen.

Man sei sicher ein Stück weiter als 2020 wegen der Impfungen, aber die Unsicherheit sei natürlich weiter gegeben. „Wir werden alles tun, damit der 10.11. dem St. Martin gewidmet wird.“ Es gelte, „diese enorme Tradition“ zu pflegen. Aber man habe auch eine Verantwortung und Fürsorgepflicht den Kindern gegenüber.

Auch die Stadt verhält sich beim Thema Martinszug noch zurückhaltend. „Der St. Martins-Zug ist eine Institution und die Brauchtumsveranstaltung in Kempen. Schüler*innen, Bürger*innen und auch viele Besucher*innen von außerhalb freuen sich jedes Jahr aufs neue auf die Veranstaltung. Der Zug ist längst weit über die Grenzen von Kempen hinaus bekannt. Entsprechend haben wir ein großes Interesse daran, dass der Zug stattfindet“, sagte uns eine Stadtsprecherin mit. Die Planung und Organisation selbst werde vom St. Martins-Verein durchgeführt. „Jedoch unterstützen wir als Stadt den Verein natürlich.“ 

Eine klare Position hat die Verwaltung aber zur Zeit noch nicht. „Wie das RKI mitgeteilt hat, befinden wir uns gerade am Anfang einer vierten Welle. Die Infektionszahlen steigen allerorts. Unter diesen Voraussetzungen kann nicht seriös abgeschätzt werden, wie die Lage im November sein wird und welche Regeln  und Einschränkungen dann gelten werden.“

Auch wenn der Zug eine wichtige Rolle für die Stadt Kempen spiele, so die Stadt, „muss klar sein, dass der Gesundheitsschutz der Besucher*innen gewährleistbar sein muss. Wir hoffen alle, dass die Situation sich so entwickeln wird, dass eine sichere Durchführung des Zuges möglich sein wird.“

Mehr Klarheit wird womöglich der Abend des 27. September bringen. Dann kommen die Schulleiter, die Vereine und Helfer mit dem Martins-Verein zur klassischen Vollversammlung  im Kolpinghaus zusammen. Vielleicht ist die Lage dann besser einzuschätzen.