Lieferengpässe: Wenn Medikamente knapp werden

Lieferengpässe : Wenn Medikamente knapp werden

Die örtlichen Apotheken beklagen, dass einige Arzneien nicht mehr ausreichend vorhanden sind. Besonders auffällig sei das Problem bei Schmerzmitteln wie Ibuprofen.

„Wie? Das Medikament gibt es zurzeit nicht? Wir sind doch hier in Deutschland.“ Mit solchen Reaktionen wird Apotheker Axel Schulte in seiner Niedertor-Apotheke am Oedter Markt in der letzten Zeit immer häufiger konfrontiert. Der Grund: Gängige Medikamente sind teilweise nicht lieferbar. Das Problem ist schon länger bekannt. Und es sorgt auch in den Apotheken vor Ort für Probleme. „So massiv wie zurzeit haben wir es noch nie gehabt“, so Schulte.

Um welche Medikamente es sich handelt, kann Axel Schulte dabei gar nicht so genau benennen. „Das geht durch die Bank und ist manchmal von einem auf den anderen Tag anders.“ Besonders auffällig ist es bei einfachen Schmerzmitteln wie Ibuprofen.

Im vergangenen Jahr gab es auch mal Engpässe bei Allergie-Notfallspritzen, die sich Menschen bei Wespenstichen setzen müssen. Zwischenzeitlich gab es nach Problemen eines Herstellers auch Engpässe in der Versorgung mit Blutdruckmedikamenten.

Auch Hans-Jürgen Beulertz kennt das Problem in seiner Mühlen-Apotheke an der Mülhauser Straße in Kempen. „Das kann so nicht weitergehen“, findet Beulertz.

Die Gründe für das Problem sind vielfältig. Viele Wirkstoffe werden mittlerweile nur noch von wenigen Herstellern im Ausland produziert. Wenn einer davon ausfällt, sorgt dies gleich für Lieferengpässe. Zudem werde die Lagerhaltung zurückgefahren. Auch die Rabattverträge der Krankenkassen sorgen für eine Marktverschiebung und tragen damit ihren Teil dazu bei. Krankenkassen schließen Verträge mit den Herstellern, sodass Mitglieder dieser Kassen bei einer bestimmten Erkrankung, wenn medizinisch nichts dagegen spricht, nur das Präparat dieses Herstellers nehmen dürfen. Kommt dieser mit der Produktion nicht nach, gibt es Probleme. Denn die übrigen Hersteller würden sich dann natürlich auf die sinkende Nachfrage einstellen und weniger produzieren.

Hinzu kommen Regelungen wie die Importquote, die Apotheken in Deutschland gesetzlich verpflichtet, einen Teil ihres Umsatzes mit preisgünstig importierten Arzneimitteln zu bestreiten.

Für die Apotheker vor Ort bedeutet der Medikamenten-Mangel vor allem viel Arbeit. Denn sie müssen sich ständig umhören, wo sie noch bestimmte Medikamente oder Ersatzprodukte bekommen können. „Wir jonglieren da täglich“, so Axel Schulte. „Im Zusammenspiel mit Arzt und Patient finden wir eigentlich immer eine Lösung – manchmal ist es aber eine Notlösung“, so Beulertz. Denn wenn Patienten von ihrem gewohnten Medikament auf ein Ersatzprodukt umsteigen müssen, sei das für die Gesundheit nicht immer förderlich. Von dem Ärger über die unnötigen Wege einmal abgesehen.

Kempener Apotheker
sieht die Politik in der Pflicht

Hans-Jürgen Beulertz sieht die Politik in der Pflicht etwas zu tun. Zusammen mit allen Beteiligten müsse man Lösungen erarbeiten. Die Hersteller müssten in die Pflicht genommen werden. Schließlich gebe es für die Apotheker vor Ort eine Verpflichtung zur Bevorratung. Warum könne dies nicht auch  für Hersteller und Großhändler gelten?

Auch der Versandhandel mit Medikamenten ist zurzeit in der Diskussion. Das von der Koalition ursprünglich angepeilte Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Medikamenten ist vom Tisch. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte aber angekündigt, den Apothekern entgegen zu kommen. Seine „Apothekenreform“ hat er jüngst durch das Kabinett gebracht, die unter anderem vorsieht, dass Versandapotheken keine Rabatte mehr auf rezeptpflichtige Medikamente gewähren dürfen. Nun wird das Gesetzesvorhaben seinen parlamentarischen Gang gehen.

Die Apotheker sehen die Gefahr, dass durch die Ungleichbehandlung von ausländischen Versandapotheken und deutschen Vorort-Apotheken über juristische Umwege die Preisbindung auf verschreibungspflichtige Arzneimittel in Deutschland gefährdet würde. „Die Preisbindung gewährleistet, dass überall in Deutschland ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel gleich viel kostet. Fällt die Preisbindung gleicht die Apothekenlandschaft dem ‚Wilden Westen’“, sagt Axel Schulte und findet, das sei nicht zum Vorteil für den Kunden und eine älter werdende Gesellschaft.

Ein weiterer Punkt der „Apothekenreform“ von Gesundheitsminister Jens Spahn sei zudem die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte 2020, so der Oedter Schulte. „Aufgrund des bereits jetzt schon hohen Technisierungsgrades stellen die Voraussetzungen hierfür keine allzu hohen Hürden für die deutschen Apotheken dar. Wir und die Kollegen hier vor Ort sind jedenfalls gewappnet.“ siehe S.23

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