Klering siegt bei Chaos-Sitzung

Ein Fehlbetrag in der Kasse, eine Kampfkandidatur um den Vorsitz, verschwundene Dokumente. Die turbulente Jahreshauptversammlung des SV Thomasstadt Kempen bot reichlich Konfliktpotenzial.

Kempen. Kein Mitglied des SV Thomasstadt Kempen stimmt für die Entlastung seines Vorstands für die Jahre 2013 und 2014. Dennoch wählen die Sportler Ulrich Klering, bislang zweiter Vorsitzender, zum neuen Chef des Clubs. Er geht als Sieger aus dem Machtkampf mit Markus Haeßl hervor. Das ist das Ergebnis der mehrstündigen Jahreshauptversammlung am Dienstag. Die turbulente Sitzung, die durch zahlreiche Diskussionen um Detailfragen aufgehalten wird, offenbart tiefe Gräben zwischen den verschiedenen Gruppen des Vereins.

Die Kampfkandidatur um den Vorsitz und die unklare Kassenlage des Vereins lockt so viele wie nie zur Jahreshauptversammlung. 192 der 804 Mitglieder sind gekommen. Da diese nicht ins Vereinsheim passen, wird die Sitzung kurzfristig nach draußen verlegt.

Der erste Paukenschlag des Abends ist der Bericht von Kassenwart Stefan Leppkes. Für die Rechnungsjahre 2013 und 2014 hat er einen Fehlbetrag von 9000 Euro ermittelt. Im Zuge der finanziellen Querelen hat der Vorstand dem ersten Vorsitzenden Oliver Wolfgart vor einem Jahr das Vertrauen entzogen. 2014 habe es dennoch keine Jahreshauptversammlung gegeben, da ein neuer Vorstand eine „geklärte Situation“ vorfinden sollte, so Leppkes. Er betont: „Der Verein ist wirtschaftlich gesund.“ Den Mitgliedern reicht das nicht. Keiner stimmt für die Entlastung des Vorstands. Zumal die Kassenprüfung für die letzten beiden Jahre noch nicht abgeschlossen ist. Dramatisch schildert Leppkes, der sein Amt aufgibt, die chaotische Vorstandsarbeit der letzten drei Jahre: „Es wurde klein, klein gemacht. Man muss sich fragen, ob persönliche Interessen wichtiger sind als die Vereinsinteressen. Zu 50 Prozent bestand meine Arbeit daraus zu gucken, wie ich die Kuh vom Eis bekomme.“ Er habe Unterlagen hinterherlaufen müssen, Abrechnungen von Turnieren seien unzureichend gewesen, drängende Themen seien nicht angepackt worden. Während Leppkes Ausführungen schauen seine Vorstandskollegen betreten zu Boden. Zu den Vorwürfen äußern sie sich nicht.

Kassenwart Stefan Leppkes über die fragwürdige Vorstandsarbeit

Ein ähnlich schlechtes Bild zeichnet Herbert Krahn, der den Bericht des Ältestenrats vorlegt: „Die letzten drei Jahre sind nicht rund gelaufen.“ Er habe mit seinen Kollegen versucht, die rivalisierenden Gruppen um Klering und Haeßl zusammen zu führen — ohne Erfolg.

Vor der geheimen Abstimmung um den Vorsitz versuchen die beiden Kontrahenten mit einer kurzen Ansprache, die Mitglieder von sich zu überzeugen. Dabei zeigt sich, dass beide nicht mehr die besten Freunde werden. Haeßl unterhält sich während Klerings Rede. Klering verschwindet während Haeßls Auftritt im Vereinsheim.

Klering, der sich als langjähriger Jugendtrainer einen Namen gemacht hat, wirbt mit dem Slogan „Mut zu Veränderungen“. Er kündigt an, sich unter anderem um die Außendarstellung des Vereins zu kümmern. Zudem malt er auf ein Flipchart Häuschen auf. So versucht Klering zu zeigen, wie er die verschiedenen Teams der Fußballabteilung und den Badmintonbereich näher zueinander führen möchte.

Haeßl attackiert seinen Kontrahenten: „Er sollte vorlegen, was er geschafft hat.“ Es könne nicht seien, dass ein Vorstandsmitglied lediglich Missstände aufzeigt. Haeßl hat sich das Thema „Sponsoring“ auf die Fahne geschrieben. Er kündigt an, sich im Fall seiner Wahl um ein neues Sponsoring-Konzept zu kümmern. Dieses Thema müsse Chefsache sein, sagt Haeßl. Der Besitzer zweier Handyläden hat selber viel Geld in den Verein gesteckt. Unternehmerisches Denken, wie er es habe, fehle dem Club.

Der Auftritt beider Kandidaten wird von Zwischenrufen und hämischen Kommentaren der Mitglieder begleitet.

Bei der Wahl, die um kurz nach 22 Uhr nach bereits gut zweistündiger Sitzung beginnt, setzt sich Klering mit 101 Stimmen durch. Auf Haeßl entfallen 85 Stimmen. Vier sind ungültig. In die weiteren Vorstandsposten werden Klerings Wunschkandidaten gewählt. Die Bewerber aus dem „Team Haeßl“ treten nicht mehr an. Der neue Vorsitzende zeigt sich „überwältigt“ von der Unterstützung. Dabei steht er vor einem Scherbenhaufen. Walter Hamers schmeißt als Reaktion auf die Wahl seinen Job als Obmann des Seniorenfußballs hin. Die Wahl eines neuen Ältestenrats gestaltet sich zäh. Nur vier Mitglieder sind bereit dem Gremium beizutreten. „Ich finde es ein bisschen ernüchternd“, resümiert der unterlegene Haeßl den Abend. Er ist nicht der Einzige, der sich über die Wiederwahl eines nicht entlasteten Vorstands wundert.