Kirchenmusiker aus Leidenschaft

Der junge Kempener Kantor Christian Gössel steht vor seinem ersten großen Chorkonzert.

Kempen. „Zu Hause wurde immer viel musiziert. Es wurde gesungen und was so herum stand und lag, damit wurde Musik gemacht“, erzählt Christian Gössel, der seit zwei Jahren Kantor der Pfarre St. Mariae Geburt ist. Während der Grundschulzeit begann er das Klavierspiel. Mit 13 legte er sein Geld zusammen, kaufte sich einen E-Bass und näherte sich autodidaktisch diesem Instrument.

Christian Gössel

Zwei Jahre später fing er an, in Kevelaer an der großen Seifert-Orgel der Basilika bei Elmar Lehnen Orgelunterricht zu nehmen. „Das war der Moment, wo ich Blut geleckt habe für das Instrument Orgel. Dieses Klangvolumen“, schwärmt er, was beim Spielen einer Orgel mit 135 Registern nicht überrascht. Die Orgel im Wallfahrtsort gilt als die größte der Welt in deutsch-romantischer Disposition. Bei der Begeisterung für das Instrument widmete er ihm viel Zeit und legte während der Oberstufenzeit gleich einmal das C-Examen für Kirchenmusik ab.

In dieser Ausbildung schnupperte er weiter in Richtung Kirchenmusik, stieg auch in die Chorleitung ein und erhielt Gesangsunterricht. Da wurde ihm klar: „Das macht alles so viel Spaß und ich möchte die Sachen vertiefen.“ So führten ihn die Freude am Orgelspiel, am Singen und an der Chorleitung zum Studium der Kirchenmusik. Er bewarb sich in Köln und Berlin — und landete schließlich an der Universität der Künste Berlin. Dort studierte er unter anderem bei Paolo Crivellaro (Orgel-Literaturspiel), Kai-Uwe Jirka (Chorleitung) und Harry Lyth (Orchesterleitung), machte seinen Bachelor, dann den Master — das A-Examen in der Kirchenmusik.

Besonders reizte Gössel die Improvisation, die neben dem Jazz auch in der Kirchenmusik eine große Rolle spielt. „Der Kirchenmusiker hat durch die Liturgie größere Möglichkeiten zu improvisieren, zum Beispiel, um Übergänge zu schaffen oder wenn die Kommunion länger dauert.“ Und so hängte er noch ein Aufbaustudium Orgelimprovisation bei Wolfgang Seifen an, das er mit dem Improvisationsexamen abschloss.

Neben einem Lehrauftrag in Klavierpraxis an der Universität der Künste leitete er bei seinen freiberuflichen Aktivitäten unter anderem den Kapellchor des Staats- und Domchors Berlin, in dem sich Jugendliche nach dem Stimmwechsel zusammengefunden hatten. Seit Oktober 2015 ist er nun als Kantor in seiner Heimatstadt Kempen aktiv.

Ein großes Werk hat sich der 30-Jährige für das Konzert am Volkstrauertag (Sonntag) vorgenommen: das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart in der Fassung Franz Beyer. „Dieses Requiem hat mich schon immer begeistert, der Mythos darum und Mozarts Beschäftigung mit dem eigenen Tod — das ist spürbar in der Musik.“ Für Gössel ist es das erste große Chorkonzert, das er auf die Beine stellt. Den Laudate Chor hat er dabei um einen Projektchor eigens für dieses Konzert erweitert. 75 neue Mitsänger konnte er dafür gewinnen, altersmäßig eine „gute Bandbreite“, wie er sagt. Jugendliche von 15 Jahren bis hin zu Senioren von mehr als 80 Jahren seien dabei.

„Es ist eine Herausforderung, diese Gruppe zusammenzuhalten und eine klangliche Homogenität herzustellen“ — der junge Chorleiter ist zufrieden, denn alle sind motiviert dabei. Da kann er auch höhere Ansprüche realisieren: „Mir ist die Aussage wichtig, auch wenn sie auf Latein ist. Die Sänger sollen wissen, was sie singen und das entsprechend ausdrücken.“

Als musikalische Einstimmung in das Konzert hat Gössel die Sinfonia in d-Moll von Wilhelm Friedemann Bach gewählt, von der sich Mozart inspirieren ließ. Anschließend spielt Stefanie Hollinger von Enjott Schneider (*1950) die „Reflections on Mozart’s Requiem“ aus dem Jahr 2007 und dann kann die Premiere für den Chorleiter und seine beiden Chöre mit Mozarts Requiem folgen.