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Kempener Tafel: Der Hunger wird größer

Kempener Tafel: Der Hunger wird größer

Dieter Sandmann bekommt mit seiner Einrichtung der Martinus-Hilfe die Auswirkungen der Wirtschaftskrise täglich zu spüren.

Kempen. Wenn Dieter Sandmann viele Kunden an einem Tag hatte, beginnt er zu grübeln. Über den Ansturm freut er sich nicht: Seine Kunden sind arm. Sandmann, Chef der Kempener Tafel für Bedürftige, bekommt täglich zu spüren, dass auch in Kempen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise angekommen sind. "Anfang des Jahres quoll das Ganze über den Topfrand: Da wurde der Vorraum zur Sardinenbüchse, so gequetscht saßen die Leute dort", sagt Sandmann.

"Die Klientel ist querbeet: Es sind ehemalige Angestellte der Kreisverwaltung dabei, die in den unteren Gehaltsklassen gearbeitet haben und nicht so viel Rente kriegen, einfache Arbeiter oder Hartz- IV-Empfänger", sagt er. "Es gibt auch Akademiker, die nicht klarkommen mit dem, was sie haben - da muss man schon mal ein tröstendes Wort sagen."

Gerade wenn "Neukunden" das erste Mal zu ihm kommen, müssen er und seine Helfer als Seelsorger einspringen. "Kunden" nennt Sandmann die Menschen, die zur Versorgungsstelle kommen, um sich einen Wochenvorrat an Lebensmitteln abzuholen. "Sie sollen ihre Würde bewahren, wenn sie auch nix haben." 2001 hat Sandmann die Kempener Tafel, die die Martinus-Hilfe trägt, gegründet. "Es gibt auch schon mal welche, die fragen nach einem Butterbrot oder etwas zu trinken." Seitdem hält die Martinus-Hilfe auch täglich etwas Mineralwasser für die Besucher bereit. "Damit wir ihnen einen Becher vollmachen können."

Manchmal, wenn es den Kunden etwas besser ginge, würden die auch schon mal ein halbes Pfund Butter oder einen Liter Milch entbehren und der Tafel zur Verfügung stellen. Auch Bürger kämen immer mal vorbei, um einen selbstgebackenen Kuchen abzugeben. "Manche sehen die Not wirklich, und manche gehen vorbei."

Auf die Versorgung durch die fünf Zubringer Aldi, Lidl, Rewe, Edeka und Penny hat sich die Krise bislang noch nicht niedergeschlagen. Morgens holen rund 15 ehrenamtliche Helfer der Martinus-Hilfe die Waren ab, säubern sie, trennen verfaulte Blätter ab oder sortieren schadhafte Früchte aus. Dann werden die Lebensmittel in grüne Kisten sortiert. Fleischwaren sind nicht dabei.

"Die Nutzer erwarten hier keine Steaks. Gemüse und ein paar Kartoffeln dabei, das genügt", sagt der 70-Jährige. So sehen es seine Kunden auch. Ob sie noch etwas Kartoffelsalat wolle, fragt er eine Frau mittleren Alters. "Ich bin mit allem zufrieden, was Sie mir geben", antwortet sie und drückt die Bananenkiste mit ihrer Wochenration Lebensmittel noch ein bisschen fester an sich. In der Kiste liegen Zucchini, Kartoffeln, Bananen und Äpfel obenauf.

140 Personen nehmen in der Woche die Tafel in Kempen in Anspruch. Es kommen auch immer mehr aus Tönisvorst und Wachtendonk, für die Kempen ebenfalls Anlaufpunkt ist. In Kempen allein waren es vor dem folgenschweren Zusammenbruch der Finanzmärkte 30 bis 40 Hungernde, heute sind es 80 wöchentlich. "Es ist so dramatisch, dass die Leute sagen, wir müssten am nächsten Tag am leeren Tisch sitzen."

Die Finger sind schon steif, die Nase ist rot, die Kälte zieht durch die Kleidungsschichten in die Knochen, eine Heizung gibt es nicht. Dieter Sandmann hat morgens in der Ausgabestelle so viel zu tun, dass er den frostigen Temperaturen keine große Beachtung schenkt. Erst mittags sind er und seine Helfer geschafft.

Dennoch, ist der 70-Jährige froh, überhaupt die Räume in der ehemaligen Polizei-Station für die Tafel nutzen zu dürfen. Sobald die Stadt allerdings einen Investor gefunden hat, soll der Komplex abgerissen werden- und seine Gruppe steht auf der Straße. In der Politik gibt es zwar quer durch alle Fraktionsbänke klare Bekenntnisse für den Erhalt der Tafel. Aber so recht traut Sandmann dem nicht.

"Es ist ein Drama, dass wir nicht wissen, wohin", sagt Sandmann. Dann guckt er verschmitzt: " Wir gehen auf die Straße ins Zelt und machen da ein Oktoberfest. Man muss das Beste draus machen."

Dass die Krise langsam abflauen soll, hat er bisher noch nicht feststellen können. "Im Gegenteil, es wird noch schlimmer. Jede Woche kommen mehr. Aber solange ich habe, gebe ich."