Kempener Jugendliche polieren Stolpersteine

Gedenken: Polieren für das Erinnern

Am 9. November haben erstmals Jugendliche die Stolpersteine in Kempen gereinigt.

Lucie, Nina, Laura und Gina hocken oder knien auf der Straße. Ihre behandschuhten Hände halten gelbe Schwämme. Reinigungsmittel stehen neben ihnen auf dem Boden. Ein Anwohner hat ihnen Gießkannen gegeben. Schmutziges Schaumwasser fließt in den Rinnstein.

Die Kempener Gesamtschülerinnen im Alter von 14 und 15 Jahren sind dabei, die beiden Stolpersteine vor dem Haus Alte Schulstraße 9 zu reinigen. Hier haben früher Andreas Lambertz und seine Haushälterin Sofie Buchdahl gelebt. Beide starben als Opfer des Nationalsozialismus: Andreas Lambertz am 7. März 1942 im „Judenhaus“ an der Josefstraße, Sofie Buchdahl in Riga, wohin sie im Dezember 1941 deportiert worden war.

Am Freitag, 9. November, dem Tag, an dem Deutschland der Pogromnacht vor genau 80 Jahren gedenkt, wollen 20 Mädchen und Jungen der Gesamtschule ein Zeichen setzen. Sie beteiligen sich an der ersten offiziellen Putzaktion für bislang 29 in der Stadt verlegten Stolpersteine. Die Anregung kam von der Kempener Organistin Ute Gremmel-Geuchen.

Historiker Hans Kaiser begleitet die Jugendlichen

Begleitet werden die Schüler von Historiker Hans Kaiser. Und zwar sowohl inhaltlich – der pensionierte Realschullehrer kommt immer wieder zu ihnen in den Unterricht – als auch ganz praktisch: Am Vormittag des 9. November ist Hans Kaiser mit seinem voll beladenen Fahrrad in der Altstadt unterwegs, um die Grüppchen der Jugendlichen mit den nötigen Utensilien zu versorgen – besorgt wurden Schwämme, Stahlwolle und mehr vom Schulhausmeister, die Kosten übernimmt die Schule.

Ein Haus weiter, Alte Schulstraße 10, kümmern sich drei Jungen aus der Klasse 9f um acht Stolpersteine. „Wir haben schon zwei Reinigungsdurchgänge gemacht“, erzählt Nils. Nun glänzen die quadratischen Messingtafeln wieder, Namen und Daten sind gut erkennbar. „Vorher konnte man sie kaum von den Pflastersteinen unterscheiden“, sagt Gesamtschulleiter Uwe Hötter.

Mit dem Projekt des Künstlers Gunter Demnig wird an dieser Stelle an Abraham, Helene, Leo und Rosa Goldschmidt sowie an Rudolf, Selma, Ilse und Herbert Bruch erinnert. Von diesen acht Menschen entkam nur Herbert Bruch der Verfolgung – er hat seine gesamte Familie im Holocaust verloren. Selma Bruch folgte ihrer Tochter Ilse, um sie nicht allein zu lassen, nach Auschwitz, wo beide am 5. November 1943 in der Gaskammer ermordet wurden. Leo Goldschmidt erhängte sich vor der Deportation in dem Kempener Haus. In der schmucken Gasse mit ihrem charakteristischen Kopfsteinpflaster, für viele die schönste Straße der Stadt, entfalten die Stolpersteine und ihre Geschichten eine besondere Wucht.

„Je nach Verschmutzungsgrad“ sollen die Stolpersteine laut Hans Kaiser nun alle zwei bis drei Jahre gesäubert werden, immer am 9. November.

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