Leben in Kempen Mehrgenerationenwohnen fehlt der Nachwuchs

Kempen · Vor zehn Jahren wurde das erste Kempener Mehrgenerationenhaus eingeweiht. Eine Bilanz der Mitbegründerin.

 Seit zehn Jahren lebt Annemarie Quick am Alten Prozessionsweg. Das Projekt war als Mehrgenerationenwohnen geplant, doch es fehlen jüngere Leute.

Seit zehn Jahren lebt Annemarie Quick am Alten Prozessionsweg. Das Projekt war als Mehrgenerationenwohnen geplant, doch es fehlen jüngere Leute.

Foto: Norbert Prümen

Der große Raum im Erdgeschoss des Gemeinschaftshauses wird gut genutzt. Es gibt Film- und Spielabende, Fachvorträge, einmal wöchentlich öffnet das „Klöncafé“. Und auch der Garten wird gern besucht, unter anderem grillt man gern gemeinsam. Es gibt gemeinschaftliche Ausflüge, an denen alle Bewohner des Hauses teilnehmen können, sofern sie Zeit und Lust haben.

Am Alten Prozessionsweg 6 in Kempen leben derzeit 29 Menschen in 21 Wohnungen – für sich und dennoch in einer besonderen Gemeinschaft. Vor zehn Jahren konnte das Haus endlich eingeweiht werden, nachdem es zuvor schon über Jahre Überlegungen und Planungen dazu gegeben hatte. Um die Idee des generationenübergreifenden Wohnens auf den Weg zu bringen, wurde eigens ein Verein mit dem Namen „Besser gemeinsam wohnen“ gegründet, dann eine Genossenschaft.

Dem Projekt fehlen
eindeutig die jungen Familien

Gedacht war es als Wohnprojekt für Menschen aller Generationen, für junge Familien mit Kindern, für Ältere. Doch nach zehn Jahren sieht es anders aus: „Es ist leider kein Mehrgenerationenprojekt geworden, wie es geplant war, sondern lediglich ein weiteres Seniorenprojekt“, sagt Annmarie Quick, Mitbegründerin und Bauherrin des Mehrgenerationenprojekts in Kempen, die seinerzeit der Motor für das Projekt war. „Es ist so, dass die jungen Familien fehlen. Und das ist schade“, sagt Quick.

Sie und ihr Mann Christoph leben seit der Fertigstellung des Wohnkomplexes, der aus zwei zweieinhalbgeschossigen Gebäuden und einem Gemeinschaftshaus mit Gästeappartement besteht, am Alten Prozessionsweg 6. Annemarie Quick sah seinerzeit in der Zeitung den Aufruf für das Mehrgenerationenwohnprojekt, ging zum Infotreffen und stieg ein. Der Verein „Besser gemeinsam wohnen“ wurde gegründet. „Selbstbestimmtes Wohnen in einer Gemeinschaft aus jungen und alten Menschen, bei der man so auch Kontakt zu jungen Menschen hat und nicht alleine alt wird, das waren die Ziele“, sagt Quick, die mit ihrem Mann in einem Reihenhaus wohnte und sich aufgrund des Auszuges der Kinder verkleinern wollte.

Die Ökologie spielte eine weitere Rolle, wozu auch gehört, dass vieles gemeinsam genutzt wird – angefangen vom Garten bis hin zu Werkraum und Waschküche. Sie übernahm die Leitung der 2010 gegründeten Planungs GbR, der sich 2011 die Gründung der eingetragenen Genossenschaft anschloss. Im April des folgenden Jahres wurde das Grundstück gekauft und im Mai der Bauantrag eingereicht. Am 28. November 2012 erfolgte der erste Spatenstich.

2017 zog die Familie mit
Kleinkind wieder aus

„Damals gehörte auch noch eine Familie mit Kind zur Gruppe. Altersmäßig bewegten wir uns zwischen zwei und 76 Jahren“, erinnert sich die Kempenerin und deutet auf das Foto vom Spatenstich, bei dem besagter Zweijähriger in Aktion zu sehen ist. Im Januar 2014 zogen die Quicks in ihre 70 Quadratmeter große Wohnung in der zweiten Etage, nachdem sie 38 Jahre in Grefrath-Vinkrath im Reihenhaus gelebt hatten.

Das Wohnen am Alten Prozessionsweg 6 empfindet das Ehepaar als sehr schön. Aber nach wie vor finden die beiden es schade, dass es mit dem angestrebten Wohnen von mehreren Generationen unter einem Dach nicht geklappt hat: „Das Ehepaar mit dem Kleinkind zog 2017 aus, und danach konnte keine Familie mehr für das genossenschaftliche Wohnen gewonnen werden“, sagt Annemarie Quick.

Leerstände im Haus gibt es aber nicht. Zog jemand aus, folgen stets andere nach. Die Wohnungen sind unterschiedlich groß, liegen zwischen 55 und 130 Quadratmetern. Das Durchschnittsalter der Bewohnerinnen und Bewohner liegt aktuell bei 68 Jahren, zwei sind Ende 50, 13 Personen über 70 Jahre alt. Ganz ohne Kontakt zu jüngeren Leuten und Kindern lebt man dort aber doch nicht, wie Annemarie Quick berichtet: „Wir haben zum Glück zwei Enkelkinder in der Nähe, mit denen wir oft auf den uns gegenüberliegenden Spielplatz gehen und dort junge Familien mit Kindern treffen.“

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