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Kempen : Ihr Lauf zurück ins Leben

41 Jahre alt, 18 Operationen: Die Kempenerin Silke Achenbach ist eine Kämpfernatur – auch im Sport.

Am Ende eines langen Leidensweges steht das Laufen. Wenn Silke Achenbach am heutigen Samstagabend in Duisburg an den Start geht, werden alle Gedanken an die Probleme, Hindernisse und Beschwerden der vergangenen Jahrzehnte verschwinden. „Ich laufe, um den Kopf frei zu bekommen“, sagt die Kempenerin. Der zehn Kilometer lange „Lichterlauf“ ist die zweite öffentliche Sportveranstaltung, an der die 41-Jährige teilnimmt. Nummer eins war der Kempener Altstadtlauf im Juni.

Die Frau aus Kamperlings benötigte nicht ganz eine halbe Stunde für die fünf Kilometer und war damit sehr zufrieden. Ihre Trainingszeit für zehn Kilometer, die Duisburger Strecke, liegt bei einer Stunde und fünf Minuten. Vielleicht kann sie diesen Wert, angefeuert von der Menge am Rand, ja sogar noch unterbieten.

Sie feierte mit einem
Tandemsprung

Es ist noch nicht lange her, da schien körperliche Betätigung dieser Art für Silke Achenbach unmöglich. Seit ihrer Geburt lebt sie mit einer Funktionsstörung des Darms. Im Laufe ihres noch jungen Lebens wurde sie 18 Mal operiert. Das hinterlässt zwangsläufig Narben, nicht nur am Körper.

Sie lernte Krankenhäuser in ganz Deutschland kennen, lag unter anderem in Mannheim, Würzburg und Essen. Erfahrungen, auf die sie gerne verzichtet hätte. „Zehn Jahre meines Lebens habe ich dadurch verloren“, sagt sie. Eine richtige Diagnose habe sie bis heute nicht bekommen. Heute hat sie keinen Dickdarm mehr, auch ein Stück des Dünndarms wurde ihr entfernt. 2012 wurde ihr ein künstlicher Darmausgang, ein Stoma, gelegt. Sie empfand es wie eine Befreiung. „Es ist zwar blöd, damit zu leben, aber ich lebe wieder“.

Nach der vermeintlich letzten OP feierte sie auf ganz besondere Weise. Vom Grefrather Niershorst startete sie zu einem Tandem-Fallschirmsprung. Ihr Motto: „Ich springe ins Leben“. Den freien Fall werde sie nie vergessen, eine Wiederholung ist fest eingeplant.

Zwar folgten dann noch weitere chirurgische Eingriffe, doch inzwischen hat Silke Achenbach ihren Körper im Griff. „Es geht mir super“, sagt sie. Endlich kann sie wieder reisen. Sie absolvierte ein Studium der Marketing-Kommunikation, eine Weiterbildung Projektmanagement und macht derzeit einen Fernlehrgang zur Wirtschaftsfachwirtin. Ein neuer Job steht vor der Tür.

Weil sie sich nicht mehr so intensiv um sich selbst kümmern muss, bleibt Zeit für das Leben und für  „Flori“, eine ängstliche Mischlingshündin, der in Rumänien ein schlimmes Ende drohte. Seit zwei Jahren ist sie ihre quirlige Begleiterin.

Und dann ist da ja noch der Sport. Silke Achenbach beweist eindrucksvoll, dass eine 80-Prozent-Schwerbehinderung nicht zwangsläufig eine Hobby-Karriere verhindern muss. „Angefangen habe ich mit Seilchen-Springen“, erinnert sie sich. Mit einer Minute ging es los, als sie bei einer halben Stunde Dauerhüpfen angekommen war, wurde es ihr zu blöd: „Jetzt fängst du an zu laufen“, sagte sie sich.

Dabei bekommt sie viel Unterstützung von Menschen in ihrer Heimatstadt. Für „meine Grundausbildung“ zeichnet Elena „Elli“ Athanasopoulos von Grenzland Fitness verantwortlich. Thomas Brux vom Kempener Turnverein hat sie in die Laufgruppe geholt und begleitet sie heute Abend in Duisburg. Sie startet für Bunse - das Brillenhaus, das sie ebenfalls optisch und sportlich unterstützt.

Kürzlich wurde Flüssigkeit in einem Knie entdeckt. Für die Kämpferin Silke Achenbach keine große Sache. „Ich habe mir eine Bandage geholt und laufe trotzdem weiter.“ Ihr nächstes Ziel ist der Halbmarathon (rund 21 Kilometer) in Venlo im Frühjahr.

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