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Kempen: Künstler in Corona-Zeiten ohne Einnahmen

Kempener Künstler : Die Situation vieler Künstler ist prekär

Der Corona-Lockdown hat auch die bildende Künstler schwer getroffen. Ausstellungen wurden abgesagt oder konnten nicht stattfinden. Die finanziellen Hilfen von Bund und Land reichen vielfach nicht aus, um über die Runden zu kommen. Beispiele aus Kempen und Willich.

Künstler in Corona-Zeiten – ein komplexes Thema. Für Gilbert Scheuss steht fest: Die Lage vieler Künstler ist prekär. Er muss es wissen. Als 1. Vorsitzender des Bundesverbandes Bildender Künstler BBK Niederrhein hat er Kontakt zu gut 80 seinem Verband angehörenden Künstlern, deren Ausstellungen ab März abgesagt wurden und deren Nebenerwerbe im Bereich der kulturellen Bildung ebenfalls brachlagen.

Die Vereinsarbeit des BBK Niederrhein, so erzählt der in Kempen lebende Scheuss, geriet im Frühjahr in Bewegung, es wurde recherchiert und informiert, wie die Künstler an Fördergelder kommen konnten. „Es gab eine komplett neue Situation“, so Scheuss. Die früh aufgelegten Soforthilfeprogramme des Landes, weiß Scheuss, der selbst als Bildhauer zu den freischaffenden Künstlern gehört, seien bei den Künstlern gut angekommen. Doch reichten sie nicht für die Vielzahl der Künstler in Nordrhein-Westfalen aus, rechnet Scheuss vor: „Nur 2500 Künstler von 17 500 konnten berücksichtigt werden.“ Dann wurde ein zweites Förderprogramm und im September Stipendien in einer Gesamthöhe von 105 Millionen für alle Kunstschaffenden installiert. „Doch die klassischen Förderprogramme haben nicht an den Lebensalltag von Künstlern gedacht“, sagt Scheuss – Lebenserhaltungskosten waren in den Fördergelder nicht vorgesehen.

Die Künstlerin Ingrid Filipczyk ging vorsichtig mit den ihr bewilligten Fördergeldern um, denn nach einiger Zeit stellte sich heraus, dass Rückzahlungen notwendig würden. Bei der Bearbeitung der Konten, so hat sie erfahren, geriet man ins Hintertreffen, die Rückbearbeitung wurde gestoppt – ein großes Durcheinander.

Auch nach dem Lockdown blieben Besucher oft vor der Galerie stehen

Ingrid Filipczyk lebt und arbeitet in Kempen. Dort führt sie eine Produzentengalerie. Während des Lockdowns zeigte sie eine Ausstellung, die die Interessierten durch das große Fenster der Galerie an der Moosgasse betrachten konnten, ohne die Galerie zu betreten. Jetzt stellt Ingrid Filipczyk fest: „Das hat Nachwirkungen. Auch als ich die Galerie wieder öffnete, blieben die Menschen draußen vor den Fenstern stehen. Aber man muss die Kunst von Angesicht zu Angesicht sehen, um sie zu verstehen.“

Die Künstlerin Anne Fiedler lebt und arbeitet in Willich. Sie ist nicht nur freie Malerin, sondern auch engagiert in der kulturellen Bildung. Für Fiedler lag während des Lockdowns beides brach. Sie bringt einen interessanten neuen Aspekt in die Diskussion: „Mit den vielen ausgefallenen und abgesagten Veranstaltungen im Rahmen der kulturellen Bildung entfällt auch das Netzwerken.“ Das heißt, es wird schwierig, neue Projekte für das kommende Jahr zu initiieren. Und was ihre Kunst betrifft: „Keine Ausstellung, keine Verkäufe. Die Leute kaufen eher, wenn sie mit mir über die Bilder sprechen können.“ Über das Internet funktioniert das ihrer Erfahrung nach nicht.

Gilbert Scheuss bringt das Thema neuer Ausstellungskonzepte ins Gespräch: Man könne auch die digitalen Medien nutzen – wenn auch vor allem als zusätzliches Angebot.

Ingrid Filipczyk bringt die Situation der Künstler auf den Punkt: „Die Corona-Krise spiegelt wider, was schon vorher schwierig war.“ Und Gilbert Scheuss fügt hinzu: „Die Bevölkerung nimmt die Vielfalt der Kulturtreibenden nicht wahr.“

Die Systemrelevanz von Kunst und Kultur ist offenbar gering

Oft war in den vergangenen Monaten von der Systemrelevanz von Kunst und Kultur die Rede. Die ist gering, stellt Filip­czyk fest: „In unserem Kulturkreis hat Kunst nicht den Stellenwert, ist einfach nicht eins der Hauptthemen.“ Ein Dilemma. Einerseits besteht die prekäre finanzielle Lage der freischaffenden Kunsttreibenden, andererseits ist da die fehlende Aufmerksamkeit von Gesellschaft und Politik. Wie kann sich das ändern? „Die Politik muss die Signale für die Selbstverständlichkeit von Kunst setzen“, fordert Anne Fiedler.

Hier setzt die Arbeit des Berufsverbands BBK an, steht er doch an der Schnittstelle zwischen Künstler und Politik und Gesellschaft. Scheuss: „Wir müssen den Fuß in der Tür der Landesregierung behalten.“ Die Festlegung von Ausstellungshonoraren für ausstellende Künstler muss gesichert sein. Etwas, das der BBK bereits tut. „Was passiert nach der Pandemie?“ fragt sich Scheuss. „Lässt man uns fallen wie eine heiße Kartoffel? Die Förderung der Kunst und Kultur muss weitergehen.“

Insofern kann man, so Scheuss, die Corona-Krise auch als eine Chance betrachten. „Was wir erkannt haben, müssen wir nun umsetzen.“ Scheuss, Filipczyk und Fiedler sind sich in einem weiteren Punkt einig: „Die größte Aufgabe im Moment ist das Durchhaltevermögen“, drückt Filipczyk es aus. Und Fiedler sagt: „Wir dürfen die Kunst jetzt nicht an den Nagel hängen.“