Immer ein Grefrath-Gefühl gehabt

Barbara Münzenberg ist seit mehr als einem Jahr Pfarrerin an der Niers. Als Kind lebte sie schon einmal hier.

Grefrath. Es mag bezeichnend sein, dass Barbara Münzenberg ausgerechnet an Rosenmontag Zeit für ein längeres Gespräch mit der Presse hat. An einem Tag, der wie kein zweiter für eine Einstellung steht, die gemeinhin als „rheinisch-katholisch“ bezeichnet wird. Die Philosophie dahinter: Feiern auf Teufel komm raus, zum Bereuen bleibt zwischen Aschermittwoch und dem Altweiberdonnerstag im nächsten Jahr noch genügend Zeit.

Barbara Münzenberg, evangelische Pfarrerin mit familiären Wurzeln in Thüringen und Ostfriesland, hat zwar nichts gegen Karneval, doch selbst ins wilde Getümmel muss sie sich dann doch nicht unbedingt stürzen. Und so ist sie an diesem Rosenmontag eben nicht in Dülken oder gar in Köln oder Düsseldorf, sondern sitzt im Pfarrhaus mit der treffenden Adresse An der Ev. Kirche. „Mein Vater hatte sich seinerzeit für den Namen Martin-Luther-Straße stark gemacht, aber das ist damals in Grefrath nicht durchgegangen“, erzählt die 50-Jährige, die seit über einem Jahr für die rund 2650 evangelischen Christen und die beiden „Predigtstätten“ in Grefrath und Oedt zuständig ist.

Zu der Gemeinde, sowohl auf politischer wie auf kirchlicher Ebene, hat sie seit frühester Kindheit eine ganz besondere Beziehung. Ihr Vater Theodor, ein DDR-Flüchtling, war vor mehr als 50 Jahren der erste Pfarrer der evangelischen Neugründung. Am 24. September 1961 wurde er ins Amt eingeführt und war mit seiner Familie sechs Jahre lang vor Ort, ehe er nach Kamp-Lintfort wechselte.

An den Umzug und die Zeit davor kann sich Barbara Münzenberg, beim Weggang zweieinhalb Jahre alt, nicht mehr erinnern. Doch es sei immer „ein Gefühl“ für Grefrath geblieben, das bis heute andauere. „Ich fühle mich richtig und wohl hier.“

Einen langen Schatten des Vaters, der bis heute in Kamp-Lintfort wohnt, spüre sie bei ihrer Arbeit nicht. Wohl auch, weil immerhin ein halbes Jahrhundert zwischen dem Pfarrer Münzenberg und der Pfarrerin Münzenberg in Grefrath liegt. Ab und an kommen ältere Leute auf die Tochter zu und erzählen, dass sie vom Vater getauft oder konfirmiert wurden. „Das ist sehr schön“, sagt die Geistliche. Die Zeit ihres Vaters sei positiv besetzt. Oft berichtet sie dem 81-Jährigen von solchen Begegnungen und richtet Grüße aus.

Eigentlich hatte die Niederrheinerin, deren Großvater schon auf der Kanzel stand, gar nicht Theologie studieren wollen. „Ich bin über die Jugendarbeit dazu gekommen“, erzählt sie. Ihre Laufbahn spiegelt diese Vorliebe wider: Sie war Pastorin im Sonderdienst für Schulen in Nettetal und Pfarrerin am Berufskolleg Vera Beckers in ihrer Geburtsstadt Krefeld. „Inzwischen freue ich mich, mit Menschen aller Altersstufen zu arbeiten“, sagt sie heute.

Das tut sie in einer Diaspora: Grefrath hat vier katholische Kirchen, eine Abtei und eine erzbischöfliche Schule mit Kloster. „Wir sind eine Minderheit, aber das empfinden wir nicht als Mangel“, so Münzenberg.

Zusammen mit ihren haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern versuche sie, Menschen anzusprechen und — auch vor dem Hintergrund der zunehmenden Kirchenaustritte — für Religion zu werben. Dazu schafft sie alternative Gottesdienstformen wie die „After-Work“-Kirche: An jedem vierten Freitag soll das Wochenende nicht mit einer Party eingeläutet werden, sondern mit einer Andacht.

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