„Ich will Kempen als Kempener genießen“

„Ich will Kempen als Kempener genießen“

Der Technische Beigeordnete Stephan Kahl geht in den Ruhestand. Kurz vor dem Karriereende stellte er sich den Fragen der WZ.

Kempen. Am Gründonnerstag schließt Stephan Kahl zum letzten Mal die Tür zu seinem Büro im Rathaus ab. Und danach wird der Technische Dezernent wohl auch gleich den Schlüssel weitergeben. Nach zehn Jahren in Kempen geht der Stadtplaner und Architekt mit 65 Jahren in den Ruhestand. Im Interview mit der WZ blickt Kahl auf Höhen und Tiefen dieser zehn Jahre zurück. Und er berichtet über seine Einschätzung zur Stadtentwicklung.

Herr Kahl, 2008 haben Sie mit Mitte 50 nach mehr als 30 Dienstjahren bei der Stadt Herten den Schritt nach Kempen gewagt - aus dem Ruhrgebiet an den Niederrhein. Ist dieses Projekt aus Ihrer Sicht geglückt?

Stephan Kahl: Das kann ich ohne Einschränkung mit Ja beantworten. Ich hatte in Herten eine unglaublich spannende Zeit. Aber nach 33 Jahren war es an der Zeit, noch einmal etwas Neues zu machen. Die anspruchsvolle Arbeit im Ruhrgebiet — mitten im Strukturwandel — hat mir viele lehrreiche Erfahrungen und Kontakte eingebracht, auf die ich später hier in Kempen zurückgreifen konnte.

Woran denken Sie da konkret?

Kahl: An meine Arbeitsweise im Ganzen. Wenn Sie in einer früheren Bergarbeiterstadt arbeiten, die mit geringen finanziellen Mitteln den Strukturwandel organisieren und schaffen muss, dann prägt das die Arbeitsweise. Ich habe in Herten gelernt, die Projekte komplex und vorausschauend zu organisieren. Und mit großer Ausdauer und Verlässlichkeit an Dingen zu arbeiten.

Aus dem strukturschwachen Ruhrgebiet ins beschauliche und bürgerliche Kempen — war das damals ein Kulturschock?

Kahl: Ich bin in Münster geboren und aufgewachsen und dann mit 22 Jahren nach Herten gezogen. Ich stamme also aus einer Stadt, der es sehr gut ging und geht. Insofern war das kein Kulturschock. Im Ruhrgebiet sind die Menschen offen und herzlich — das ist hier in Kempen nicht anders. Besonders imponiert hat mir in der Bewerbungsphase der damalige Bürgermeister Karl Hensel. Er war sehr offen und hat die Karten auf den Tisch gelegt. Mir hat das gezeigt, dass er sich um mich bemüht.

Zum Dienstantritt sagten Sie der WZ 2008, dass Sie das freundliche Klima reize und gut fänden, dass sich die Verwaltung als Team verstehe. Wie denken Sie heute darüber?

Kahl: Ich kann mit voller Überzeugung sagen, dass die Ämter meines Dezernates gut zusammenarbeiten. Ich bin kein Alleingänger. Die Arbeitsweise in meinen Ämtern ist von Offenheit bestimmt und es herrscht ein gutes Klima. Wir haben stets versucht, einen gemeinsamen Weg zu finden. Mir als Chef stand natürlich die letzte Entscheidung zu. Ich bin ein Stück weit stolz auf die Arbeit der Kollegen.

Sie sprechen über die Ämter Ihres Dezernates. Wie sehen Sie denn die Zusammenarbeit mit anderen Dezernaten? In Teilen soll die Stimmung zuletzt nicht immer die beste gewesen sein.

Kahl: Ich möchte nur sagen, dass für uns alle in den letzten Jahren die Arbeit viel, viel schwieriger geworden ist. An weiteren Diskussionen beteilige ich mich nicht — schon gar nicht anlässlich meines Ruhestands.

In den vergangenen zehn Jahren ist städtebaulich in Kempen viel bewegt worden. Auf welche Projekte blicken Sie besonders froh — und vielleicht auch stolz — zurück?

Kahl: Natürlich war die Entwicklung des Projektes Klosterhof sehr bedeutsam. Das wurde mir zum Amtsantritt in mein Pflichtenheft geschrieben, weil ja im Vorfeld unter anderem ein Hotel-Projekt am Stand des früheren Kreishauses gescheitert war. Ich habe frühzeitig den Architekten Preckel ins Boot geholt, den ich aus meiner Arbeit in Herten kannte. Seine vorausschauende Planung und meine klare Vorstellung zur Projektentwicklung waren so etwas wie der Schlüssel zum Erfolg. Es ist nicht einfach, ein Investorenprojekt zu begleiten, das dann auch für die Bürgerschaft ein Gewinn ist. Und ich habe die Überzeugung, dass der Klosterhof ein nachhaltiger Gewinn für Kempen ist. Zumal die Umfeldgestaltung in die Altstadt ausstrahlt.

Sie sprechen die Sanierung der Judenstraße an.

Kahl: Ja, genau. Ihre Gestaltung ist die ideale Verbindung zum Umfeld des Klosterhofes und dennoch, geprägt vom engen Straßenraum, völlig anders geworden. Was die Gestaltung angeht, gab es lange Diskussionen. Aber die haben sich gelohnt. Ich gehe davon aus, dass andere Straßen der Altstadt in den nächsten Jahren ähnlich aussehen, wenn dort Sanierungen anstehen. Die innerstädtische Entwicklung ist ein Steckenpferd von mir. Das hat mir in Kempen viel Freude bereitet.

Gab es noch mehr freudige Projekte außerhalb des Klosterhof-Umfelds?

Kahl: Ja. Ich möchte nicht auf den Klosterhof reduziert werden. Bei der Schaffung von Wohnraum für Familien haben wir zum Beispiel an der Kreuzkapelle und den Stadtteilen St. Hubert und Tönisberg was Schönes geschaffen. Die erste Ausbauwelle der Kitas ist gemeistert worden. Durch den Neubau der Mensa der Martinschule und den Ausbau der Kästneria sowie durch Wärmedämmung an den Fassaden ist im Schulbau einiges passiert. Die Ansiedlung des Netto-Marktes war ein wichtiges Projekt für Tönisberg.

Sie wohnen selbst im Viertel an der Kreuzkapelle. Fühlen Sie sich dort wohl und heimisch?

Kahl: Absolut. Ich schätze auch diesen Teil Kempens. Wir haben dort eine moderne Infrastruktur und vor allem unheimlich viel Grün im Umfeld, weil großzügig geplant worden ist. Dieser Standard und diese Qualität sind auch gerechtfertigt, weil das Gebiet und sein Umfeld von der Bevölkerung in allen Altersklassen gut angenommen werden. Mit Blick auf künftige Planungen muss man diese hohe Qualität aber auch hinterfragen.

Wie meinen Sie das?

Kahl: Wenn ich an den Kempener Westen denke, muss auch eine Überlegung sein, ob sich eine Stadt wie Kempen eine so aufwendige und teure Infrastruktur weiterhin leisten kann. Und auch einen solchen Pflegeaufwand weiterhin leisten kann und will.

Ihre Arbeit wurde in den vergangenen Jahren auch kritisch gesehen. So mussten Sie in den Diskussionen zur Tönisberger Zeche und bei den Planungen des Schmitz-Projektes an der Peterstraße einiges einstecken. Wenn Sie zurückblicken: War die Kritik berechtigt?

Kahl: Fangen wir chronologisch mit der Unterschutzstellung der Zeche an. Als es um die Frage ging, war ich geprägt von meiner jahrzehntelangen Tätigkeit im Ruhrgebiet der Meinung, dass eine Stadt wie Kempen nicht viel mit dem Bergbau zu tun hatte. Die Ausweitung der Abbaugebiete in Richtung Niederlande war ein Trugschluss. Die Tönisberger Anlage war nur wenige Jahre in Betrieb. Deshalb war die klare Konsequenz, dass die Bedeutung des Bergbaus in unserer Region nicht groß ist. Deshalb hielt ich die Unterschutzstellung für falsch. Nun war es aber so, dass die Experten im Bereich der Denkmalpflege sehr auf die Unterschutzstellung pochten. In diesem Bereich befürchtete man einen Bedeutungsverlust — umso intensiver und nachdrücklicher waren die Forderungen. Dass sich dadurch in Kempen so ein starkes Meinungsbild pro Denkmalschutz entwickelt hat, war für mich eine Überraschung. Es lag eine Fehleinschätzung meinerseits vor.

Nun stehen Teile des Zechengeländes unter Denkmalschutz. Es soll etwas entwickelt werden — vielleicht ein Gewerbepark. Einen Kaufvertrag zwischen der RAG und dem neuen Investor aus Krefeld gibt es aber immer noch nicht. Wird der Notartermin noch in Ihre Amtszeit fallen?

Kahl: Lassen Sie mich noch etwas zum Verfahren nach der Unterschutzstellung sagen. Ich habe von vorneherein gesagt, dass ich mich nicht schmollend in die Ecke verziehe. Ich habe die Gegebenheiten akzeptiert. Und ich denke, dass die Stadtverwaltung auch dabei geholfen hat, dass dort eine Ideenentwicklung stattfindet. Zum aktuellen Stand kann ich nur sagen: Ich hoffe, dass es bis Ende März einen Notartermin gibt. Das würde ich aus persönlicher Sicht auch als einen gelungenen Abschluss bezeichnen.

Springen wir zur Peterstraße. Gab es dort auch Fehleinschätzungen?

Kahl: Ich bin der festen Überzeugung, dass die Themen Zeche und Peterstraße zusammenhängen. Durch die Debatte um die Zeche und das bürgerschaftliche Engagement hat sich mit Blick auf den Denkmalschutz ein großes Interesse gebildet. Und rückblickend kann ich sagen, dass dieses Engagement aus der Bürgerschaft dem Projekt an der Peterstraße mehr als gutgetan hat. Die Vorstellungen des Architekten der Firma Ralf Schmitz waren gut. Durch das Einwirken der Öffentlichkeit und letztlich den Erhalt der Fassade Peterstraße 20 sind die Pläne aber noch viel besser geworden. Jetzt, da alles fertig ist, bin ich der Meinung, dass es super geworden ist. Und das ganze Verfahren ist ein Beispiel dafür, dass eine Stadt wie Kempen sein kulturelles Erbe erhalten muss. Eine Stadt muss aber auch bereit sein, sich den modernen Anforderungen zu stellen. Es muss eine anspruchsvolle Weiterentwicklung geben. Kempen hat dies schon in den 60er Jahren mit der Altstadtsanierung eindrucksvoll bewiesen. Mit der Neubaumaßnahme Ellenstraße/Hessenwall hat die Stadtverwaltung Wege aufgezeigt, mit sorgfältiger Planung und Beteiligung der Öffentlichkeit auch für Neubaumaßnahme anspruchsvolle Architektur zu realisieren, die sich in historische Strukturen harmonisch einfügt. Der Denkmalschutz und eine behutsame, maßvolle Stadterneuerung sind Entwicklungsmerkmale der historischen Altstadt, die den Erfolg bringen.

Bleiben wir noch einen Moment in der Altstadt. Die Stadt Kempen wird die Burg vom Kreis Viersen übernehmen. Die Politik hat sich für die Burg und damit gegen die Verwaltung ausgesprochen. Wie sehen Sie diese Entscheidung?

Kahl: Ich halte es für richtig und wichtig, dass die Burg in öffentlicher Hand bleibt. Ich hätte mir allerdings — wie der Bürgermeister — eine Kooperation mit dem Kreis Viersen in dieser Angelegenheit gewünscht. Das will der Kreis nicht — und nun haben wir die Burg. Jetzt muss die Frage geklärt werden, ob ein privatwirtschaftliches Engagement — vielleicht mit dem Ziel eines Hotels — infrage kommt. Oder ob die Idee der Bürgerburg mit VHS, Standesamt und Gastronomie eine Option ist. Da würde ich mich für die Bürgerburg entscheiden.

Sie sind aber erleichtert, dass dieses Projekt an Ihnen vorübergeht, oder?

Kahl: Nein, definitiv nicht. Das ist doch in einem planerischen Beruf eine spannende und tolle Aufgabe. Zehn Jahre jünger und ich würde das gerne machen.

Die Burg obliegt aber nun Ihrem Nachfolger Marcus Beyer, der aus Tönisvorst nach Kempen wechselt. Auf welche großen Aufgaben kann und muss er sich noch gefasst machen?

Kahl: Es steht eine ganze Menge an. Zuerst möchte ich die unausweichlichen Investitionen in städtische Liegenschaften nennen. Die Sanierung der Schulen und auch des Rathauses ist eine große Aufgabe. Diese Anforderungen waren ja auch Gegenstand des Bewerberprofils. Insgesamt geht es aber auch um die Instandhaltung von rund 120 städtischen Gebäuden - Stichwort: Entwicklung eines Gebäudemanagements. Dann stecken wir noch in der Realisierung von zwei Baugebieten in St. Hubert und Tönisberg. Und auch der alte Straßenbestand muss in den kommenden Jahren in vielen Teilen saniert werden. Beginnend mit der St. Huberter Bahnstraße, wo es schon in Kürze losgeht. Und natürlich die Entwicklung des Gebietes im Kempener Westen. Da wäre ich gerne schon weiter gewesen, aber das notwendige Verkehrsgutachten konnte wegen der Langzeit-Baustelle zwischen Kempen und Kerken erst später in Angriff genommen werden.

Wenn Sie am Gründonnerstag Ihre Bürotür geschlossen haben und dann nach Hause fahren — was machen Sie dann?

Kahl: Ich wünsche mir, dass ich schnell eine Phase erreiche, in der ich loslassen kann. Ich habe einen Job, in dem man auch in der Freizeit häufig mit seinen Gedanken im Büro ist. Das haben planerische Aufgaben so an sich. Ich freue mich auf die Zeit danach. Ich freue mich auf mehr Zeit mit meiner Familie, auf Urlaube und lange Radtouren. Und ich freue mich darauf, Kempen als Kempener genießen zu können. Überhaupt war es mir wichtig, in der Stadt zu wohnen, in der ich arbeite. Das war in Herten so und das ist in Kempen so.

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