„Ich bin Teenager und Mama“ - Wenn Kinder Kinder kriegen

„Ich bin Teenager und Mama“ - Wenn Kinder Kinder kriegen

Laura Beckhuis ist 17 Jahre alt, ihr Sohn Emil wenige Monate — das hat in ihrem Leben viel verändert. Manche Freunde haben sich abgewendet.

St. Hubert. Er liegt da und schreit. Ein Klang, der durch den ganzen Körper fährt. Hungrig, schmerzverzehrt, beleidigt? Was macht diesen kleinen Menschen so untröstlich? Fragen, über die sich Laura Beckhuis in den ersten Tagen nach Emils Geburt immer wieder den Kopf zermartert. „Die schreien ja einfach zwischendurch“, sagt sie. Laura ist 17 Jahre alt und Emils Mutter. Während der Schwangerschaft habe sie sich das alles nicht so schwer vorgestellt. Das Muttersein und dabei selbst manchmal noch ein Kind sein.

Gerade hat die 17-Jährige ein wenig Zeit. Ur-Oma Sigrid Müllers (57) hat Emil-Dienst. Langsam geht sie mit dem acht Wochen alten Jungen im Wohnzimmer auf und ab. Im Halbschlaf liegt er im Arm. Immer wieder schaut Laura zu ihnen hinüber. Das machen Mütter so. Mit 34 oder mit 17 Jahren. An dem hellen Holztisch mit Blick auf den kleinen Garten in der ruhigen Wohnsiedlung sitzt ein Mädchen mit blonden Strähnchen und ist leicht geschminkt. Eine typische 17-Jährige.

Minderjährige Mütter kennen die meisten nur aus dem Fernsehen. So vielfältig die TV-Formate sind, so einheitlich sind die dargestellten Frauen: Ungebildete, Zigaretten stopfende Mädchen mit herausgewachsenem Haaransatz. „Solche Sendungen finde ich grausam“, sagt Laura. „Wer so etwas sieht, stempelt doch gleich alle jungen Mütter als asozial ab.“ Sie möchte so nicht sein. Nach dem Schauen einer Sendung sagt sie sich selbst: „Dafür eignest du dich nicht.“ Ihre Fachoberschulreife und der Wunsch, nach der einjährigen Babypause das Fachabi zu machen und Erzieherin zu werden, passen so gar nicht in das stereotype Bild.

„Natürlich waren wir nicht begeistert, als wir erfuhren, dass Laura schwanger ist“, sagt Sigrid Müllers. Laura wohnt bei ihren Großeltern. Nachts aufstehen und um ein Baby kümmern, damit seien sie doch schon längst durch, habe sie gedacht. Und dann die Sorgen um die Zukunft des Mädchens. „Aber beim zweiten Arztbesuch haben wir den kleinen Punkt auf dem Ultraschallbild gesehen, da war alles klar“, sagt Müllers. „Man hat sich natürlich alle Möglichkeiten angehört“, sagt auch Laura. Aber weggeben oder abtreiben — das sei einfach nicht gegangen.

Vorgestellt hatte sie sich ihr Leben vor einem Jahr noch ganz anders. Ein Kind mit Ende 20, Mann, Hund, Haus. Heiligabend 2010 wurde ihr klar, dass das gar nicht mehr klar ist. „Ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass ich schwanger bin“, sagt Laura. Der Vater von Emil ist ihr langjähriger Freund. Heute sind sie nicht mehr zusammen, aber er kümmere sich um den Kleinen. Mehr will sie nicht erzählen. Laura gehöre zu den Menschen, die Probleme mit sich selbst ausmachen, sagt ihre Großmutter.

Die Schwangerschaft hat im Leben der 17-Jährigen viel verändert. Manche Freunde haben sich abgewendet. In Ruhe ein Buch lesen oder ausschlafen: nahezu unmöglich. „Manchmal fällt mir schon die Decke auf den Kopf.“ Damit Laura auch mal rauskommt, so wie ihre Altersgenossinnen, nimmt ihr die Familie an manchen Tagen für ein paar Stunden die Verantwortung ab. Meist geht Laura dann zu den Heimspielen der Krefeld Pinguine.

„Ich bin Teenager und Mama. Wenn ich nach Hause komme, ist da sofort wieder mein Kind, um das ich mich kümmern muss.“ Übermäßig trinken oder durchfeierte Nächte sind nicht mehr drin, „auch wenn ich da manchmal schon Lust drauf hätte“, sagt die 17-Jährige.

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