Hombergen: Ausstellung zeigt Geschichte der Kinderarbeit

Hombergen: Ausstellung zeigt Geschichte der Kinderarbeit

Früher in unserer Region - heute weltweit: Im Museum „Die Scheune“ wird über Kinderarbeit in der Textilindustrie informiert.

Hombergen. Kleine Spinnräder, an denen schon Vierjährige arbeiten mussten, Plakate gegen sowie Fotos und Zeichnungen über Kinderarbeit sind derzeit im Textilmuseum "Die Scheune" zu sehen. Titel der neuen Ausstellung: "Kinderarbeit in der Textilindustrie: früher in unserer Region - heute weltweit."

Hunderte Kinder waren im 18. und 19.Jahrhundert in den niederrheinischen Textilmanufakturen eingesetzt- viele jünger als zwölf Jahre. Sie wurden vor allem zum Reinigen, Ölen und für die Wartung der Textilmaschinen eingesetzt. "Bei laufender Produktion, denn Stillstand war Produktionsverlust", sagt Walter Tillmann, der Gründer des Textilmuseums. Wie viele Kinder dabei verunglückten, Krüppel wurden, könne man nur ahnen.

Mit Einführung der Wehrpflicht bemerkte das preußische Militär als erste staatliche Instanz, dass diese Kinderarbeit staatsschädigend war. Denn im Rheinland waren nur 18Prozent der jungen Männer wehrtauglich- deutlich weniger als woanders. So kam es 1839 zum ersten königlichen "Regulativ gegen die Kinderarbeit". Die allgemeine Schulpflicht hatte Preußen schon 1717 eingeführt. Doch weder die, noch das Gesetz gegen die Kinderarbeit wurde bis Mitte des 19.Jahrhunderts flächendeckend überwacht.

"1853 gab es noch Negatives", entdeckte Walter Tillmann im Stadtarchiv Viersen. Ein staatlicher Fabrikinspektor berichtete der Regierung, "dass bei meinem Eintreten in den Fabriksaal der Viersener Aktion Spinnerei ein Pfiff ertönte - und kein Kind zu sehen war". Unter Säcken und zwischen Stoffballen entdeckte er 27 Kinder unter zwölf Jahren. Der Fabrikant wurde mit 50 Talern Strafe belegt. Sein Kommentar: "Das quetsche ich in einer Woche wieder aus den Kindern raus."

Auch rund um den Hauswebstuhl waren Kinder beschäftigt. Die Jungs spulten, die Mädchen und Mütter sponnen, die Väter webten. Ein Webstuhl brauchte Produkte von acht Spulerinnen. Weil das auf Dauer nicht leistbar war, kam es zur industriellen Spulerei. Dort wurden Kinder unter erbärmlichen Bedingungen beschäftigt. Dazu gehörten je eine Stunde Hin- und Rückweg sowie 14 Stunden Arbeit.

Tillmann erinnerte an die Kinderarbeit in bäuerlichen Familien. Als Erntehelfer war sie bis nach dem 2.Weltkrieg selbstverständlich. Tillmann: "Wer weiß heute noch, dass die Herbstferien früher Kartoffelferien hießen, weil die Schüler bei der Ernte helfen mussten?"

"Dabei befürworteten führende Pädagogen im 19. Jahrhundert noch die Kinderarbeit, weil sie sozial eingebunden wurden und für’s Leben lernten", sagte Ilse Jahnke-Lowis, Mitarbeiterin des Textilmuseums. Der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) habe Kinder in seinem Garten schuften lassen und sich gerühmt, "sie so vor der Verwahrlosung bewahrt zu haben", so Jahnke-Lowis. Das mochte noch für Bauern und Weberfamilien gegolten haben, aber "spätestens mit der Industrialisierung kam die Ausbeutung der Kinder", betonte sie.

Am Niederrhein erkannten sozial engagierte Unternehmer die Schäden. Die Familie Diergard in Viersen und die Brands in Mönchengladbach stellten keine Kinder mehr unter 14Jahre ein und führten den Acht-Stunden-Tag ein. Reichskanzler Otto von Bismarck übernahm später die am Niederrhein gewonnen Erkenntnisse in seinen Gesetzen.

"Heute gibt es noch grausamere Kinderarbeit- nicht mehr in Deutschland, aber global. Das wird Thema weiterer Veranstaltungen sein", versprach Birgit Lienen von der Nette-Agentur. Dann wollen Fachleute erklären, welche Firmen von Kindern produzierte Ware verkaufen.

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