Politik im Kreis Viersen : Gute Zeiten für grüne Themen

Bündnis 90/Die Grünen verzeichnen bundesweit große Zustimmung. Auch vor Ort nehmen die Vorsitzenden eine positive Stimmung wahr.

Die Grünen scheinen im siebten Himmel zu sein: Platz zwei bei der Europawahl, Umfragewerte, die die Partei als stärkste politische Kraft in Deutschland sehen, bundesweiter Mitgliederzuwachs, grüne Themen, die die Schlagzeilen beherrschen und ein Bundesvorsitzender, der schon als nächster Bundeskanzler gehandelt wird.

Die Grünen-Vorsitzenden Nicole Brumme in Kempen, Sebastian Wulf in Grefrath, Jürgen Cox in Tönisvorst und Merlin Praetor in Willich haben Grund zur Freude. Auch vor Ort verzeichnen sie neue Mitglieder und großes Interesse an den grünen Themen. Von Euphorie ist jedoch nichts zu spüren. Bodenständigkeit ist angesagt. Demütig und dankbar nehme man das Vertrauen der Wähler an, sagt Nicole Brumme. „Es gibt eine enorme Fokussierung auf die Inhalte.“ Das stellt auch Merlin Praetor in Willich fest. Mit großer Ernsthaftigkeit arbeite man auf verschiedenen Ebenen daran, Programme zu schreiben und so gerüstet zu sein für die Kommunalwahlen 2020.

Für die kleinen Grünen-Ortsvereine bedeuten schon wenige Neuaufnahmen einen prozentual großen Zuwachs. Mittlerweile haben die Willicher Grünen 27 Mitglieder, ein Drittel davon ist seit Anfang des Jahres hinzugekommen. Einige Neuaufnahmen gab es in den vergangenen Wochen auch in Kempen (jetzt rund 40 Mitglieder), Grefrath (rund 25 Mitglieder) und Tönisvorst (knapp 50 Mitglieder). Viele junge Menschen sind darunter, aber nicht nur.

Darüber hinaus hätten sich die Kontaktanfragen vervielfacht. Die Grünen scheinen als Ansprechpartner für die Bürger nun ganz anders ernst- und wahrgenommen zu werden. Man kommt zurzeit sehr gut mit Bürgern ins Gespräch, könne Themen kontrovers diskutieren, sagt Jürgen Cox. Das sei ihm neulich bei einer Diskussion ums Thema Gülle aufgefallen.

Zu einem Interessenten-Abend vor Kurzem in Anrath kamen rund 20 Willicher, um ihre Anregungen und Sorgen mitzuteilen. „So eine Resonanz hatten wir noch nie“, sagt Merlin Praetor. Auch wenn nicht alle gleich in die Partei eintreten wollen, gibt es viel Feedback und Wünsche, sich punktuell zu engagieren. Es seien „urgrüne Themen“, die die Menschen zurzeit umtrieben, wie Mobilität, Müll, Lärm- und Lichtemissionen, Trinkwasserqualität und Nachhaltigkeit.

Unterstützung können die Grünen mit Blick auf die Kommunalwahlen gebrauchen. Sollte der Trend anhalten und sich im Wahlergebnis vor Ort niederschlagen, wären neue Ratsmitglieder und sachkundige Bürger gefragt, die sich in der Gremienarbeit einbringen. Bei der letzten Kommunalwahl hatten die Grünen in Kempen, Grefrath und Willich um die 13 Prozent der Stimmen erreicht, in Tönisvorst gute neun Prozent.

Jürgen Cox würde sich wünschen, mit einer starken kompetenten Mannschaft Verantwortung zu übernehmen und sieht seine Partei in Tönisvorst dafür gut aufgestellt. Die neuen Mitglieder hätten neue Kompetenzen mitgebracht. Sebastian Wulf wünscht sich, dass sich aus den Neuaufnahmen auch aktive Mitglieder gewinnen lassen, die dann Ämter übernehmen wollen.

Vor allem hoffen die Grünen darauf, ihre Ideen auch auf lokaler Ebene gut platzieren zu können. Oft musste man in der Vergangenheit für grüne Themen dicke Bretter bohren. Sebastian Wulf erinnert sich da an die langwierige Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED, die letztlich der Gemeinde viel Geld spart. Auch wenn sich in diesen Bereichen schon viel in die aus ihrer Sicht richtige Richtung bewege, sehen die Grünen für ihre Kommunen durchaus noch Potenzial.

Mit Prognosen wollen die Grünen-Vorsitzenden vorsichtig sein. Es gibt aber durchaus die Hoffnung, dass sich die Zustimmung bis zum nächsten Jahr hält. Alle zeigen sich zuversichtlich, dass Themen wie Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Mobilität im Fokus bleiben. Schließlich ist es besonders die Jugend, die zunehmend politische Themen setzt.

„Wir müssen gucken, wo die Reise hingeht“, sagt Jürgen Cox. Er ist sich bewusst, dass Ziele wie Klima- und Umweltschutz durchaus auch Verzicht bedeuten, wenn man es ernst meint. Eine gewisse „Entzauberung“ befürchtet auch Merlin Praetor, wenn die Grünen bei möglichen vorgezogenen Neuwahlen in Regierungsverantwortung kommen würden. In einer Koalition, da dürfe man sich nichts vormachen, ließe sich nicht alles direkt umsetzen. Für Merlin Praetor ist es wichtig, sich nun nicht beim Wähler anzubiedern, keine Versprechungen zu machen, die man nicht halten kann. „Wir machen in unserem Stil weiter wie bisher“, so der Willicher Vorsitzende.

Die Diskussion um die Kanzler-Kandidatur ist den Grünen-Vorsitzenden vor Ort noch zu früh. Die beiden Bundesvorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock werden dafür gehandelt. An der Basis will man aber lieber abwarten und sich auf die Inhalte fokussieren.

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