Grefrath: Wechsel in der Kneipe "Zum Fürsten Blücher"

Grefrather Kneipen-Szene : Erst Deichgraf, dann Fürst und bald Rentner

Am Wochenende steht Michael Pomplun zum letzten Mal am Zapfhahn in der Grefrather Kneipe „Zum Fürsten Blücher“.

Am Sonntag werden wohl Tränen fließen. Das ist zumindest die Befürchtung von Michael Pomplun. „Ich habe nahe am Wasser gebaut“, sagt der gebürtige Hamburger, der sprachlich seine geografische Herkunft auch nach mehr als 35 Jahren am Niederrhein nicht verleugnen kann. Die meisten Grefrather kennen den 63-Jährigen aus der Kneipe: Er stand immer hinter dem Tresen. Das soll nun vorbei sein, denn am Sonntag übergibt der Wirt im Bierlokal „Zum Fürsten Blücher“ Zapfhahn und Schlüssel an seinen Nachfolger. „Es war eine schöne Zeit.“

Der Liebe wegen ist der Hamburger am Niederrhein hängen geblieben. Seine Frau Eva hat er in der Disco Knepp in Glabbach kennengelernt, als er auf Montage in Grefrath war. Das war 1981 und bereits ein Jahr später –  Eva Pomplun hatte zwischenzeitlich versucht, in Hamburg heimisch zu werden – hatte er einen Job als Dachdecker und konnte nach Grefrath ziehen. „Meine Frau hat damals nicht nur die Stellenanzeigen für mich aufgegeben. Und, das habe ich erst jetzt erfahren, auch Bewerbungsgespräche für mich geführt.“

Gelernt hatte Pomplun in Hamburg Tankwart – was ja auch im weitesten Sinne auch mit Zapfen zu tun hat. Er habe immer gerne mit Autos und Menschen zu tun gehabt. Vor allem mit Letzteren hatte er dann noch bevor er 20 Jahre alt war viel zu tun, denn er hat mit seiner ersten Frau zwei Gaststätten in Hamburg-Harburg betrieben. „Daran ist unsere Ehe kaputtgegangen.“

Am Niederrhein standen die Zeichen zuerst noch auf Handwerk. Nach der Dachdeckerarbeit fand er einen Job bei einer Bauspezialfimra für Autobahnsanierungen. „Und da hatte ich auf er A40 bei Wankum am 2. Mai 1984 einen schweren Unfall“, erzählt Pomplun. Ein 38-Tonner sei mit 111 km/h angerauscht, hätte seinen Arbeitskollegen getötet und ihn weggeschleudert. „Das war mein Glück.“ Nach seiner Genesungszeit hat der 63-Jährige Gebraucht- und Neuwagen im Autohaus Vanderfuhr verkauft. Das Geschäft gehörte seinem Schwiegervater. Nach fünf Jahren wechselte er dann noch mal und hatte eine Stelle bei Wirth. „Die sind mit Schrauben und Werkzeugen groß geworden.“ Dort war er fünf Jahre.

„Und dann haben wir ,Kondomi‘ an der Neustraße aufgemacht. Das war damals eine große Sache in Grefrath“, grinst Pomplun. Neben Kondomen habe es Sexspielzeug, Geschenk- und Scherzartikel gegeben. „Kinder konnten in den Laden, es gab nichts Pornografisches.“

„Dann, wie der Zufall es wollte, wurde ich Kassierer in unserem Sparclub, der sich im Bierladen an der Stadionstraße traf“, erinnert sich der Gastwirt. Er habe die Kneipe kennengelernt. Man sei ins Gespräch gekommen. „Am 15.4.97 haben wir den Laden übernommen.“ Aus dem Bierladen wurde dann „Zum Deichgraf“. Einmal, weil die Leute dachten, es handle sich um einen Laden, der Bier verkauft, und zum anderen war Deichgraf sein Spitzname. „Jetzt bin ich immerhin zum Fürsten aufgestiegen“, scherzt Pomplun.  Zehn Jahre hatte das Ehepaar das Lokal an der Stadionstraße. Aus dem Wunsch, es zu kaufen, sei nichts geworden. Doch dann habe sich eine neue Tür mit dem „Zum Fürsten Blücher“ am Markt aufgetan.

„Anderthalb Jahre haben wir beide Läden geführt“, so der gebürtige Hamburger. Seit dem 13. April 2006 schenkt er am Markt Bier aus: Weizen, zwei Pils-Sorten und ein Alt. Alles vom Fass versteht sich. Bis zu zehn hat er davon in der Kühlung auf Vorrat. „Und noch nie war meine Reserve fast weg.“ Einmal, als vor drei Jahren der Zug in Vinkrath ausgefallen ist, war es fast so weit, weil bei uns die Ausfallparty stattgefunden hat.“ Schnaps sei gar nicht so das Thema bei seinen Gästen. Die vor allem bei Fußballspielen vorbei kämen, da er das Programm des Bezahlsenders Sky im Angebot hat. Aber auch bei Stadtfesten. Oder eben zum Skatspielen, Vereinstreffen und ähnlichem. In all den Jahren habe es keine Schlägerei gegeben, hin und wieder mal Ärger wegen Lärms.

Eine Zäsur sei das Rauchverbot gewesen, das habe sich schon auf die Anzahl der Gäste ausgewirkt. „Wenn die Leute rausgehen, vergessen sie das trinken. Und es gehen dann auch Leute mit, die nicht rauchen.“ Und auch die steten Bierpreiserhöhungen seien nicht gut für das Geschäft gewesen. Pomplun bedauert, dass „die Jugend kaum noch in die Kneipe geht“. Ohne seine Frau hätte er das alles nicht geschafft. Sie sei ein Glücksgriff für ihn. „Wenn sie nicht den Frühschoppen donnerstags und am Wochenende machen würde, gäbe es ihn nicht.“

Doch ab Sonntag hat das Paar mehr Zeit für die beiden Kinder und drei Enkel. „Das ist der Hauptgrund. Ich habe meine Kinder nur beiläufig aufwachsen sehen. Das will ich bei meinen Enkeln vermeiden“, sagt Pomplun. Und freut sich auf die Einschulung des ältesten Enkels. Aber auch auf die Feiern und Geburtstage, zu denen er nun gehen kann. Und auf die Radtouren, die geplant sind: „Ich will die Gegend kennenlernen. Was rechts und links meiner Wege ist, habe ich bisher nicht wirklich wahrgenommen.“ Dafür wird ab Sonntag mehr Zeit sein, wenn die Stammgäste verabschiedet, die Biertaler eingelöst und die Tränen getrocknet sind.

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