1. NRW
  2. Kreis Viersen
  3. Kempen und Grefrath

Grefrath: hermann-Josef Thönes züchtet Milchkühe

Grefrath: Bei Thönes kommt es auf die Milchleistung an : „Eine Milchkuh muss schön sein“

Hermann-Josef Thönes und sein Vater Peter betreiben in Schlibeck eine Herdbuchzucht.

„Hat sie nicht einen schönen Kopf?“, fragt Hermann-Josef Thönes. Und zeigt auf eine seiner schwarz-weißen Holsteiner Kühe. Die Besitzerin eines schwarzen Kopfes mit Blesse (weißem Fleck) kaut gemächlich vor sich hin. „Ihre Tochter ist genauso schön“ schwärmt der Bauer. Er läuft auf die andere Stallseite und zielsicher auf eine weitere schwarz-weiße zu, dieses Mal mit einer länglichen Blesse. „Und die dahinten, das ist Herdbuchzucht, wie sie sein soll“, sagt der 34-jährige Grefrather.

Er zeigt auf eine weitere Kuh, die in der zweiten Reihe steht. Tatsächlich: Das Tier ist langbeinig und rot-weiß. Wobei Letzteres keine Rolle spielt. „Eine elegante Kuh, hochbeinig mit schmalem Kopf“, lobt Thönes in höchsten Tönen. „Eine Milchkuh muss schön sein“, sagt er. Und wenn dann noch eine „extrem gute“ Milchleistung dazu kommt, dann hat das Rindvieh sein Herz erobert. Denn Schönheit und üppige Milchproduktion, das sind die Ziele seiner Herdbuchzucht, die er und sein Vater Peter auf dem Hof in Schlibeck betreiben.

Entspricht eine Milchkuh dem genannten Ideal, steckt bereits viel Arbeit in ihr und auch in der oder den Generationen vor ihr. Denn ihre Mutter, Großmutter und so weiter wurden bereits entsprechend ihrer Veranlagung mit einem Bullen zusammengebracht, dessen Gene die nächste Generation für die Aufgabe – die Milchproduktion – voranbringt. Durch eine Blutprobe, die meistens in den ersten drei Lebensmonaten der Kälber gezogen wird, wird die Qualität der Gene festgestellt. „Das kann man auch noch später machen und es muss nicht bei jedem Tier sein. Eher bei denen, von denen man sich etwas erwartet“, sagt Thönes, der staatlich geprüfter Landwirt ist.

Nicht Milchmenge, auch Inhaltsstoffe sind wichtig

Neben der Menge an Milch, die eine Kuh im Laufe ihres produktiven Lebens gibt, haben auch die Inhaltsstoffe eine große Bedeutung. „Dafür haben wir sogenannte Milchberichte“, sagt Thönes und zeigt ein paar Din A 4-Blätter. Darauf werden Milchleistung, Fett-, Eiweiß-, Laktosegehalt, Harnstoffwert und Zellenzahl festgehalten. Anhand des letzteren Wertes kann der Landwirt erkennen, ob bei einer Kuh die Gefahr besteht, eine Euterentzündung zu bekommen und dementsprechend eine Behandlung beginnen. „Der Harnstoffwert gibt Aufschluss darüber, ob das Futter richtig dosiert ist“, erklärt Thönes. Auf den Zetteln stehen neben der Lebensnummer der Kühe, die Thönes von jedem seiner Tiere kennt, auch ihre Namen. Doch wer Helinde, Arielle, Sinai, Pitronel, Udine oder Nina ist, das müsste er erst anhand der Nummer herausfinden.

Keinen Namen hat der einzige Bulle auf dem Hof. Vielleicht liegt es daran, dass Thönes ihn „hässlich“ findet – unter anderem, weil er einen so bulligen Kopf hat. Alleine steht das etwa 900 Kilogramm schwere Tier in seiner Box und schnaubt vor sich hin, wenn jemand den Jungrindern, die gegenüber stehen, zu nahe kommt. „Er beschützt seine Herde“, sagt Thönes. Aber deshalb wurde er nicht angeschafft. Er ist der „Ausputzer“. Das heißt, er darf die Kühe decken, die auf dem Hof geboren wurden, sich aber nicht für die Herdbuchzucht und zur Milchkuh eignen. Da er der Rasse weißblauer Belgier angehört, zeugt er Fleischrinder, die dann für die Mast verkauft werden. Der Name Weißblau kann in die Irre führen, da die Tiere auch nur weiß sein können oder eben schwarze Flecken haben, die bläulich schimmern.

Der namenlose Belgier darf seine Kühe im Natursprung decken. Weshalb bei ihm auch auf eine schlanke Linie geachtet wird. „Sonst kommt er nicht hoch“, sagt Thönes lapidar. Diese Art der Deckung ist den Leistungskühe verwehrt. Sie werden künstlich von Thönes besamt: „Das nennt sich Eigenstandsbesamung. Dafür habe ich von etwa 20 Bullen Samen im Pott. Darunter sogar welche aus Kanada.“ Diese werden in Stickstoffbehältern aufbewahrt. Im Schnitt dauert es 1,8 Besamungen, bis eine Kuh trächtig wird.

Ein Rind sollte mit 25 Monaten zum ersten Mal gebären. Dann heißt es Färse. Nach der zweiten Laktation ist es dann eine Kuh. Laktation bedeutet Milchabsonderung aus den Milchdrüsen, kann aber hier mit Geburt gleich gesetzt werden. Hat eine Kuh ein Kalb geboren, so bleibt dieses die ersten zwölf Stunden bei der Mutter. Danach wird es von ihr getrennt und erhält die ersten beiden Tage noch die Milch der Mutter, danach sogenannten Milchaustausch. Die Milch von Hochleistungskühen sei nicht so nahrhaft wie die von Fleischkühen. Weshalb ein Kalb mehr trinken müsste, um satt zu werden. Sein Magen aber nicht für die Menge eingerichtet ist, erklärt Thönes das Vorgehen.

Rund um die Geburt besteht das größte Risiko für eine Kuh zu erkranken, da sie den Stoffwechsel des Muttertiers durcheinander bringt. „Natürlich möchte ich viele Laktationen haben, aber die Kuh soll auch möglichst lange leben“, sagt Thönes. So kann er auch „super damit leben“, wenn eine Kuh zwar nur alle zwei Jahre kalbt, dazwischen aber ordentlich Milch gibt.

„Je mehr Leistung, umso schlechter geht es den Kühen. Das wurde früher oft behauptet. Aber es ist genau andersherum“, sagt Thönes. Eine fruchtbare Hochleistungskuh sei absolut fit. Solch ein Tier ist laut Landwirt „top“, wenn es in 305 Tagen 10 000 Liter produziert. Thönes’ Topkühe schaffen 14 450 Liter. Im Durchschnitt wird eine Hochleistungskuh 6,5 Jahre alt, in besonders guten Fällen sogar zehn. „Aber wir rechnen weniger mit Jahren als mit Abgangsleistung, wenn sie 42 000 Liter oder im extremst guten Fall 50 000 Liter in ihrem Leben gegeben hat. „Das hatten wir auch früher schon mal und da waren die Kühe 7,5 bis acht Jahre alt. Da möchte ich auch wieder hin“, sagt Thönes. Hat das Tier seine Leistung erbracht, dann wird es Zeit für den Schlachter. Thönes: „Der ist in Bochum. Ich lasse meine Kühe nicht durch Deutschland fahren für fünf Cent mehr das Kilo Fleisch.“ Nur eine Kuh wird demnächst ihr Gnadenbrot bei Thönes erhalten – eine Ausnahme: „Sie liegt meiner Frau sehr am Herzen und hat jetzt auch noch Zwillinge bekommen. Sie darf bleiben.“