Gerichtsvollzieher Reinhard Baltrusch aus Kempen geht in Ruhestand

Gerichtsvollzieher Reinhard Baltrusch : „Kuckuck“ wird heute kaum noch geklebt

Mehr als 30 Jahre war Reinhard Baltrusch Gerichtsvollzieher. Jetzt wurde er in den Ruhestand verabschiedet. In seiner Dienstzeit hat der 65-Jährige so Einiges erlebt.

Obergerichtsvollzieher Reinhard Baltrusch hat seinen Beruf gerne ausgeübt. So gern, dass er noch einige Jahre weitergemacht hätte. Denn der Gerichtsvollzieher ist einerseits Beamter, arbeitet andererseits aber sehr selbstständig. Er führt ein eigenes Büro und beschäftigt seine Angestellten. Doch mit 65 war für den St. Huberter Schluss. So sieht es das Gesetz vor. Seit Ende September ist Reinhard Baltrusch im Ruhestand. Mehr als 30 Jahre war er Gerichtsvollzieher im Amtsgerichtsbezirk Kempen.

„Das Amtsgericht Kempen verabschiedet einen sehr erfahrenen Gerichtsvollzieher und einen beliebten Kollegen“, sagte der Geschäftsleiter des Amtsgerichts Kempen, Markus Reurthmanns. Das sahen einige seiner „Kunden“, in der Fachsprache die Schuldner, wohl ähnlich. „Ach wie schade, ich gewöhne mich so schlecht an andere Menschen“, sagte etwa eine Dame, als sie von dem bevorstehenden Ruhestand erfuhr.

Tatsächlich waren es oftmals dieselben Menschen, die Reinhard Baltrusch in beruflicher Eigenschaft aufsuchte: „Sie haben sich mit der Situation arrangiert.“ Die Gründe, warum Menschen in Schulden geraten, seien ganz unterschiedlich, erzählt er. Betroffen ist jede Gesellschaftsschicht. „Nur Pfarrer hatte ich noch nie“, sagt er schmunzelnd. Arbeitslosigkeit und Krankheiten können zu den Auslösern einer Überschuldung gehören. Viele verlieren ganz einfach den Überblick über ihre finanzielle Situation und übernehmen sich. Jugendliche geraten in die Falle von Handyverträgen, Kredite werden nicht eingehalten, Onlinebestellungen nicht bezahlt.

Früher war es vielen Menschen sehr unangenehm, wenn der Gerichtsvollzieher vor der Tür stand. „Das ist heute anders“, sagt Reinhard Baltrusch, „die Scham ist weg, dafür ist die Gewaltbereitschaft höher.“ Er sei aber insgesamt immer sehr gut klargekommen, betont er. Nur manchmal musste er polizeiliche Unterstützung anfordern.

Einige Dinge des täglichen Bedarfs dürfen nicht gepfändet werden

Der berühmte „Kuckuck“, so die umgangssprachliche Bezeichnung für das etwas antiquiert wirkende Pfandsiegel, wird immer noch auf Gegenstände geklebt, deren Versteigerung einen Gewinn verspricht. Doch das ist immer seltener der Fall. „Zu Beginn meiner Berufszeit pfändeten wir Fernsehgeräte, Videorekorder, Autos oder Vorwerkstaubsauger.“ Das alles lohne sich heute häufig nicht mehr. „Der größte Teil unserer Aufträge verläuft erfolglos“, sagt Reinhard Baltrusch. Bestimmte grundlegende Dinge des täglichen Bedarfs dürfen nach den Vorschriften der Zivilprozessordnung eh nicht gepfändet werden.

Erfolgversprechender sind da schon die so genannten Forderungspfändungen, etwa auf das Konto oder auf den Lohn. Grundlage ist die Vermögensauskunft, die der Gerichtsvollzieher von dem Schuldner einfordern kann und in der er alle Vermögenswerte offenlegen muss. Diese Entwicklung hat insgesamt dazu geführt, dass die Schreibtischarbeit mittlerweile den ganz überwiegenden Anteil im Berufsalltag einnimmt, wie Reinhard Baltrusch mit leichtem Bedauern anmerkt. „Ich bin ein Typ, der gerne rausgeht. Ich muss mit Menschen zu tun haben“, sagt er.

Während viele Dauerkunden „ihren“ Gerichtsvollzieher mit einer gewissen Routine empfangen, gibt es auch dramatische Fälle. Das ist vor allem bei Zwangsräumungen aus dem Haus oder der Wohnung der Fall. „Das Zuhause ist halt das Wichtigste“, sagt Reinhard Baltrusch. Er erinnert sich an eine Zwangsräumung in Kempen-Kamperlings vor einigen Jahren. „Damals drohte der Schuldner, das Haus in die Luft zu jagen“ – was dann glück­licherweise nicht geschah. „Aber es gibt auch den Fall, wo wir die Tür vom Schlosser öffnen ließen und der Schuldner ganz gemütlich auf der Couch lag und die Beamten mit den Worten „ich dachte, das wäre ein Scherz“ begrüßte.

Unter die Haut gehen auch die Fälle, wenn Kinder zwangsweise aus der Familie herausgenommen werden. „Aber auch das gehört dazu“, sagt Reinhard Baltrusch. „Man muss Mensch bleiben, auch nach rechts und links schauen“, das sei für ihn stets das Wichtigste gewesen. Kurz: Er war ein Profi mit
Herz.

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