Gastautor Rainer Helfenbein schreibt über eine uralte Frage

Ostern in Kempen : Was war zuerst – Huhn oder Ei?

In einem Gastbeitrag beschäftigt sich der ehemalige LvD-Leiter mit dem uralten Thema anlässlich des Osterfestes.

Ei der Daus, was für eine Überraschung: Das Rätsel um die uralte Frage, was zuerst da war, das Huhn oder das Ei, ist gelöst. So jedenfalls eine alte Meldung aus dem Jahre 2006 zu dieser uralten Frage. „Drei ausgewiesene Fachleute“, so Spiegel online, haben jetzt eine einleuchtende wie simple Lösung präsentiert: Das Ei war vor der Henne da. Ein Wissenschaftler, ein Philosoph und ein Hühnerzüchter kamen zu diesem Ergebnis, wobei die Begründungen dafür aber wie Windeier daherkommen: schwach, wackelig und kalkarm.

Statt auf die Evolution zu verweisen, nach der ja – wie immer wieder gesagt wird –,  alles Leben aus dem Wasser kommt, erklärt der Wissenschaftler, ein Genetiker, dass das genetische Programm des Huhns sich nicht ändere und deshalb im ersten Ei ein Huhn gewesen sein müsse. Logisch ist anders. Woher das erste Ei kommt, sagt der Genetiker nicht. Er setzt es voraus. Kommt es aus dem Wasser, kann es auch ein Fisch-Ei gewesen sein, so dass das Huhn-Ei Problem zurückgeführt werden könnte auf die Frage: Was war zuerst, der Fisch oder der Laich?

Der Grund für
alles Nachfolgende

Die Begründung des Philosophen ist gleichfalls schwach und wackelig wie ein Windei. Da laut Aussage des Genetikers im ersten Ei ein Huhn gewesen sei, erklärt er, müsse das erste Ei auch ein Hühnerei gewesen sein. Lernt nicht jeder Erstsemester-Philosophiestudent schon, dass das Huhn-Ei-Problem bloß eine Metapher ist für die Frage nach einer ersten Ursache, die selbst nicht verursacht worden ist, sondern die der Grund für alles Nachfolgende darstellt, letztlich der Grund für alles Sein (Schopenhauer)? Und hätte hier nicht auch auf den Aspekt „Zeit“ hingewiesen werden müssen? Denn nur wenn es Zeit gibt, gibt es auch ein „zuerst“ und ein „danach“?

Läuft die Antwort auf das Huhn-Ei-Problem also letztlich auf die Frage nach dem Beginn der Zeit hinaus, von dem zum Beispiel die Schöpfungsgeschichte erzählt, nach der Gott am Anfang von Himmel und Erde, von Welt und Zeit beides zugleich erschaffen hat, Huhn und Ei, Lachs und Laich? „Und Gott sprach“, heißt es dort, „es wimmle das Wasser von lebendigem Getier und Vögel sollen fliegen auf Erden“. Und weiter: „Und Gott sprach (…), seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer. Und die Vögel sollen sich mehren auf Erden.“ Weil dieser Fortpflanzungsauftrag Gottes nur Sinn macht, wenn für das Geschöpf (hier das Huhn) zugleich auch ein Fortpflanzungsmechanismus (hier das Ei) geschaffen wurde, ist die Schlussfolgerung eindeutig: Huhn und Ei sind (laut Genesis) gleichzeitig entstanden.

Aber macht die Schöpfungsgeschichte Sinn? Auf jeden Fall eher noch als das doch ausgesprochen kalkarme Statement des dritten „ausgewiesenen Fachmanns“, des Hühnerzüchters. Auch er meint – wie der Genetiker und der Philosoph –, dass das Ei zuerst da war, ohne allerdings, so Spiegel online, „seinen methodischen Ansatz“ offen zu legen. „Eier“, so wird er zitiert, „gab’s schon lange, bevor die Hühner dahergekommen sind“. Oder die Hähne, müsste er als Hühnerzüchter eigentlich hinzufügen, denn ohne die geht es bei der Hühnerzucht doch wohl auch nicht. Das aber wiederum wäre dann eine Erweiterung des Huhn-Ei-Problems hin zum Hahn-Huhn-Ei-Dilemma und würde eine Antwort auf die „uralte Frage“ nur noch komplizierter machen.

Hühnerfrikassee
oder Spiegel-Ei?

Ganz so unkompliziert, so simpel und einleuchtend, wie die „ausgewiesenen Fachleute“ laut Spiegel online meinten, ist die Antwort auf die Huhn-Ei-Frage also nicht. Man kann es sich natürlich einfach machen und sagen, mir leuchtet nicht ein, was eine Beschäftigung mit dieser Frage bringen soll. Geistige Nahrung? Ist nichts für mich. Hühnerfrikassee oder Spiegel-Ei – das ist doch die Frage. Zuerst kommt das Essen, später dann vielleicht das Nachdenken. Das sehen im Übrigen gegenwärtig unsere vegan lebenden Mitmenschen ähnlich. „Huhn oder Ei? Für mich doch völlig einerlei!“ Na dann und so gesehen: Guten Appetit!

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