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Fehlende Erntehelfer breiten Landwirten große Sorge

Interview : „Versorgung mit frischen Lebensmitteln steht auf dem Spiel“

Interview Die Corona-Krise erfasst auch Obst- und Gemüsebauern. Auf dem St. Töniser Obstgut Tackheide ist die Sorge groß.

Auch Britta Wichmann vom Obstgut Tackheide, bekannt für seinen Erdbeer-Verkauf im Sommer, befindet sich momentan mit ihrem Team im Corona-Ausnahmezustand. Für die WZ hat sich die Unternehmerin trotzdem Zeit für ein Interview genommen.

Frau Wichmann, womit sind Sie aktuell beschäftigt?

Britta Wichmann: Wir sind gerade voll eingespannt, den Frostschutz der Kulturen zu organisieren, die Situation der Erntehelfer zu klären und alle neuen Maßnahmen im Betrieb umzusetzen.

Welche Sorgen plagen die Obst- und Gemüsebauern durch die Coronakrise ­besonders?

Wichmann: Ich denke, an erster Stelle steht die Verfügbarkeit von Erntehelfern. Ohne unsere Erntehelfer können wir nicht ernten und Pflanzen für die nächste Ernte nicht in den Boden bringen. Es stehen neue Auflagen bezüglich der Größe der Saisonunterkünfte im Raum. Dies wäre eine weitere große Einschränkung, da wir dann nur noch ein Drittel der Leute unterbringen könnten. Hinzu kommt die Sorge, was bei einer Corona-Infektion auf dem Betrieb passiert – wird er dann gesperrt? Und natürlich fragen wir uns auch, ob es weitere Einschränkungen für die Vermarktung geben wird.

Was ist das Hauptproblem bei den Erntehelfern?

Wichmann: Aus Rumänien ist die Ausreise nur noch per Flugzeug möglich, doch auch dies wird von den rumänischen Behörden immer stärker unterbunden. Aus Polen ist die Ausreise für Erntehelfer zwar möglich, aber die meisten trauen sich im Moment nicht mehr nach Deutschland, aus Angst, sich anzustecken. Von vielen Seiten werden deutsche Helfer als Alternative vorgeschlagen. Doch das ist mit diversen Problemen verbunden.

Welche sind das?

Wichmann: Ich nenne nur einige Beispiele: Zunächst sind nun Schulen, Unis und auch Restaurants und Geschäfte geschlossen worden, um die Infektionszahlen zu reduzieren. Gleichzeitig sollen nun Leute zu den landwirtschaftlichen Betrieben fahren und dort arbeiten: Dadurch würden viele Menschen aus unterschiedlichen Richtungen „vermischt“. Die Erntehelfer aus Osteuropa hingegen sind auf den Betrieben untergebracht und werden dort versorgt. Es gibt also kaum Berührungspunkte außerhalb des Betriebs. Ein weiterer Punkt ist, dass die zeitliche Verfügbarkeit der deutschen Helfer geringer sein dürfte. Und: Die Landwirte können nicht plötzlich deutlich höhere Löhne zahlen. Es müsste also zunächst von der Regierung ein finanzieller Anreiz geschaffen werden. Ich gehe zudem davon aus, dass das normale Leben irgendwann im Mai wieder anläuft. Dann würden die gerade eingearbeiteten Arbeitskräfte auf einmal wieder wegfallen – mitten in der Ernte.

Was wünschen Sie
sich von der Politik?

Wichmann: Wir wünschen uns von der Politik, uns keine Steine für die Beschäftigung von osteuropäischen Erntehelfern in den Weg zu legen. Hierbei geht es nicht nur um unsere Existenzen. Es sollte auch allen bewusst sein, dass die Versorgung mit frischen Lebensmitteln auf dem Spiel steht. Und zwar nicht nur für dieses Jahr, sondern auch für die folgenden.

Was würde ein Ernteausfall für Ihren Betrieb bedeuten?

Wichmann: Ein vollständiger Ernteausfall kann existenzbedrohend sein. Wir sind für alles finanziell in Vorleistung gegangen. Pflanzen, Verpackung etc. sind bestellt. Wir können den Betrieb auch nicht vorübergehend einstellen, um Kosten zu sparen, denn die Pflanzen müssen weiter gepflegt werden und - wie im Moment – zum Beispiel vor Frost geschützt werden.

Wie gehen Sie und Ihre ­Familie – Sie sind ­Mutter – mit der aktuellen ­Corona-Gefahr um?

Wichmann: Wir befolgen die selben Regeln, wie alle anderen auch: Zu Hause bleiben, keine sozialen Kontakte außerhalb Familie und nur zum Einkaufen rausgehen. Arbeiten können wir ja zum Glück zu Hause und an der frischen Luft.