Faszinierende Foto-Schau im früheren Keramikmuseum in Tönisberg

Haus Baaken in Tönisberg: Verlassene Orte in einem verlassenen Ort

Im Tönisberger Haus Baaken startet die faszinierende Foto-Ausstellung „lost places“.

Mitten im beschaulichen Tönisberg, das ohne wirklich funktionierende Umgehungsstraße gar nicht so beschaulich ist, gibt es einen verlassenen Ort – einen „lost place“. Nun gibt es eine Gruppe von Fotokünstlern, die in diesen verlassenen Ort noch viel mehr verlassene Orte hineingebracht hat. Kurzum: Am heutigen Freitag wird im Haus Baaken, Bergstraße 2, die Ausstellung „lost places“ mit rund 100 Exponaten eröffnet. Die Gruppe „fineART 365“ hat Fotos von verlassenen Orten – alte Herrenhäuser, Industriebrachen, Autofriedhöfe – zusammengetragen. Die WZ durfte vorab hinein ins ansonsten leerstehende Denkmal.

„In jüngster Zeit ist um dieses Format ,lost places’ ein echter Hype entstanden“, sagt Michael Roettgerding aus Wuppertal. Er selbst ist als Amateur-Fotograf neben seinem Hauptberuf seit etwa zehn Jahren in ganz Europa unterwegs, um verlassene Orte aufzuspüren und im Bild festzuhalten. Neben Roettgerding zeigen Benjamin Wiesner und Björn Fey (beide aus dem Aachener Raum) sowie die beiden Tönisberger Kai-Patrick Fricke und Luca Platzen ihre Werke.

Kontakt zum Heimatverein führte die Künstler ins Haus Baaken

Letzterer hatte schließlich auch die Idee, einmal in seinem Heimatort auszustellen. Und da kam ihm das Haus Baaken in den Sinn. Nach dem Verkauf durch Eigentümer vor rund zwei Jahren steht das Haus leer. Bekannt ist das Gebäude vor allem durch die Arbeit des Heimatvereins, der dort über Jahrzehnte ein kleines Heimatmuseum betrieben hat. Heimatvereins-Vorsitzender Peter Raulff stellte auf Wunsch der Fotokünstler den Kontakt zum derzeitigen Eigentümer her. Und siehe da: Die Ausstellung ist nun bis Ende März an mehreren Tagen geöffnet. „Die Fotos passen hier super rein. Ich finde das toll“, so Raulff. Und vielleicht ist die Ausstellung auch ein Anschub, damit aus dem Haus Baaken wieder ein begehbarer Ort wird. Denn auch der derzeitige Eigentümer will wieder verkaufen, berichtet Peter Raulff.

Zurück zum Hobby der Fotografen, wobei es zum Teil schon deutlich mehr als ein Hobby geworden ist. Zum Beispiel für Kai-Patrick Fricke, der dabei ist auch beruflich immer mehr auf die Fotografie zu setzen. Schließlich ist das Thema „lost places“ ein zeitaufwendiges. Armenien, Island, Georgien, Ukraine, Italien, Frankreich, und und und... – von Europa haben Fricke und seine Kollegen schon viel gesehen. Wenn man sich im Internet umschaut, ist schon eine Art Tourismus um die verlassenen Orte entstanden. Perlen seien aber immer wieder dabei, sagt Fricke. Und es habe stets etwas Erhabenes, einen „lost place“ zu betreten.

Speziell war es für die Fotografen in der Ukraine. Denn dort wagten sie sich mit Unterstützung von örtlichen Führern ins Sperrgebiet von Tschernobyl. Dort, wo am 26. April 1986 und danach tausende Menschen Opfer einer nuklearen Katastrophe geworden sind. „Es gibt Bereiche, die man wieder betreten darf. Das ist dann schon sehr speziell, weil man diesen Hintergrund immer im Kopf hat“, sagt Roettgerding.

Herren- oder Gutshäuser in Osteuropa, Italien und Frankreich

Reizvoll seien zudem verlassene Herren- oder Gutshäuser, die man in Ostdeutschland, aber auch in Polen, Italien oder Frankreich findet. „Diese Häuser sind so plötzlich verlassen worden, dass noch volle Bücherregale und Klaviere oder Flügel da sind“, sagt Fricke. Werke dieser Form sind im Haus Baaken im sogenannten Pianozimmer zu sehen. Ferner gibt es Eindrücke von Autofriedhöfen, Kaminzimmern und kirchlichen Gebäuden.

Ein großes Thema sind auch industrielle Brachen. Und da muss man als Tönisberger gar nicht so weit fahren. „Zuletzt, als das Wetter so schön war, bin ich nochmal ganz schnell zur Zeche“, berichtet Luca Platzen. Bilder dieses Shootings auf dem Tönisberger Gelände der Zeche Niederberg sind auch im Haus Baaken zu sehen. „So ein Gelände ist für Leute wie uns natürlich einzigartig. Und dass ich das direkt vor der Haustür habe, ist prima.“ Allzu lange soll die Tönisberger Zeche bekanntlich kein verlassener Ort mehr bleiben. Investor Wolf-Reinhard Leendertz hat das Gelände gekauft und will es zu einem Büro- und Gewerbepark mit Freizeitmöglichkeiten und Gastronomie umgestalten. „Das Gelände haben wir auf jeden Fall auf dem Zettel. Es wäre schön, wenn wir da irgendwann mal ausstellen dürfen“, so Platzen.

Zunächst steht aber mal das Haus Baaken im Mittelpunkt. In zwölf Räumen hat das Quintet mehr als 100 Exponate aus etwa 30 Ländern zusammengestellt. Im Dachgeschoss wird zudem ein kurzer Film gezeigt. In dieser Dokumentation geht es um Menschen wie Platzen, Fricke oder Roettgerding. Und sie sind sogar ein Teil dieser Doku, an der noch weiter gearbeitet wird. Laufen soll der Film bei Arte oder im Streaming-Dienst Netflix. Verhandlungen laufen. Einen Einblick gibt es schon in Tönisberg. Dieser und auch die gesamte Ausstellung lohnen sich. Ein echter Höhepunkt – mitten im beschaulichen und nicht verlassenen Tönisberg.

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