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Fall Mirco: Polizisten werden beschimpft

Fall Mirco: Polizisten werden beschimpft

Über 6200 Hinweisen ist die Soko nachgegangen. Und muss sich dennoch Vorwürfe anhören.

Grefrath. Es ist ein Einsatz rund um die Uhr. Sieben Tage die Woche. Seit dem 3. September fahndet die Polizei nach dem elfjährigen Mirco aus Grefrath, der an jenem Freitagabend gegen 21.30Uhr zum letzten Mal gesehen wurde. 60 Personen stark ist die Sonderkommission, die jeder noch so kleinen Spur akribisch nachgeht auf der Suche nach dem Jungen, der vermutlich einem Sexualdelikt zum Opfer gefallen ist.

Dabei ist die Polizei auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen, und die Menschen nehmen Anteil am Schicksal des Jungen und unterstützen die Sonderkommission, wo sie nur können. Über 6200 Hinweise sind inzwischen bei der "Soko Mirco" eingegangen. "Wir registrieren und speichern alle Anrufe, nehmen die Personalien aller Hinweisgeber auf", sagt Ingo Thiel, Leiter der Sonderkommission.

Doch viele Tipps sind naturgemäß unbrauchbar. Das traut sich die Polizei allerdings nicht zu sagen, weil sie schließlich auf Hinweise angewiesen ist und niemanden abschrecken will, sich bei ihr zu melden. Zuletzt hatte sich ein Mann aus Lünen bei Dortmund gemeldet; er habe dort Mirco in einem Passat auf dem Parkplatz eines Supermarktes gesehen. Als der Fahrer bemerkt habe, dass er beobachtet werde, sei er schnell davongefahren. Das habe er einer Polizeistreife berichtet, doch die habe sich nicht sonderlich dafür interessiert, berichtete der Mann der Bild-Zeitung.

Die griff das Thema auf, sprach von einer "heißen Spur", die die Polizei möglicherweise nicht ernst genug nehme. Der Zeuge hatte berichtet, er habe am Hinweistelefon der Polizei unter einer 0800er-Telefonnummer mit einer Frau mit polnischem Akzent gesprochen. Das hatte fatale Folgen. "Unsere Kollegen sind als unfähig beschimpft worden, weil sie den angeblich entscheidenden Hinweis nicht ernst genommen hätten", sagt Soko-Chef Ingo Thiel. Zudem stellt er klar: An den Hinweistelefonen der Soko Mirco war zu keiner Zeit eine Frau mit polnischem Akzent beschäftigt. Auch seien weder die Soko noch die Telefonzentrale der Viersener Polizei über eine 0800-Rufnummer zu erreichen.

Dennoch, so Thiel, habe man "natürlich" auch den Hinweis aus Lünen ernst genommen und überprüft. Beamte der Soko seien ins Ruhrgebiet gefahren und hätten mit dem 60-jährigen Rentner gesprochen. Danach sagt Chefermittler Thiel zurückhaltend: "Es ist nicht die heiße Spur, die uns weiterbringt."

Leider, so Thiel, habe sich bei vielen Menschen der Eindruck verfestigt, die Polizei suche nur noch einen schwarzen Passat-Kombi mit HH-Kennzeichen. "Diese Annahme ist falsch", so der Soko-Chef. "Wir suchen nach wie vor in erster Linie im Raum Grefrath nach einem Passat-Kombi der Baureihe 2005-2010. Zur Farbe können wir konkret keine Angabe machen." Zeugen hatten von einem dunklen Pkw an der Mülhausener Straße berichtet; hier war Mircos Fahrrad gefunden worden. Rekonstruktionen hätten ergeben, dass bei den damals herrschenden Lichtverhältnissen fast alle Lackierungen dunkel wirken. "Wichtig ist", sagt Thiel, "dass der Fahrer dieses Fahrzeuges einen Bezug zur Region hat, selbst wenn der Wagen auswärts zugelassen sein sollte."