Eine Analyse nach der Vorstandswahl in Kempen

Kempener CDU : Wohin steuert die „brave“ Union?

Die CDU stellt sich mit dem Vorsitzenden Philipp Kraft neu auf. Für ihn geht’s nun an die Arbeit. Eine Analyse.

Dass es bei der Kempener CDU eine aufsehenerregende Mitgliederversammlung gibt, ist höchst selten. 2010 war das mal so, als es zwischen Jochen Herbst und Eva Theuerkauf eine Kampfabstimmung gab. Ansonsten geht es stets ruhig zu im Kolpinghaus. „Brav“, wie es ein langjähriger Beobachter am Donnerstagabend beschrieb. An diesem Abend wurde Philipp Kraft zum neuen Parteichef gewählt - mit dem Ergebnis von 74,4 Prozent, ohne Gegenkandidaten (die WZ berichtete).

Es war der geordnete Übergang, den die Parteispitze um die scheidende Rita Ulschmid schon im April eingeläutet hatte. Wenig Aufsehen um das Ganze. Aber auch wenig Interesse am neuen Mann, den eigentlich noch nicht allzu viele kennen. Nur 80 von 472 Mitglieder waren auf der Versammlung, beim ersten großen Auftritt von Kraft, vor dem er nach eigenen Angaben schon ein wenig nervös war. Nun geht es für Kraft und sein Team an die Arbeit, in dessen Mittelpunkt die Kommunalwahl 2020 stehen dürfte. Wohin steuert Kempens Union unter Philipp Kraft? 

Klare Abgrenzung von der AfD, Herausforderung Digitalisierung

Lokalpolitisch ist das noch schwierig einzuschätzen. In seiner Vorstellungsrede blieb der 44-jährige Personalmanager überwiegend bei seiner grundsätzlichen Einstellung. Klare Abgrenzung von der AfD, Herausforderung Digitalisierung, allen zuhören – diese eher allgemeingültigen Grundsätze machte Kraft deutlich. Dass er aber inhaltlich deutlich mehr Gewicht haben wird als Rita Ulschmid, ist auch klar. Schon am Donnerstag schlug Fraktionschef Wilfried Bogedain gemeinsame offene Versammlungen vor, bei denen sich Partei- und Fraktionsvorsitzende stellen sollen.

Offen diskutiert wird in der Partei auch schon, welche Rolle Kraft für weitere Führungsposten spielt. Fraktionschef? Bürgermeister? Oder gar Bundestagsabgeordneter für den Kreis Viersen? Konkrete Antworten zur politischen Zukunft des früheren Bundeswehroffiziers, der beim Weltunternehmen 3M eine Führungsrolle hat, können zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht feststehen. Die Kommunalwahl ist 2020. Die Bundestagswahl ist 2021, wenn in Berlin nichts dazwischen kommt.

Rübo-Kritik des Kämmerers war am Rande ein großes Thema

Abseits des Geschehens der Mitgliederversammlung beherrschte ein Mann die Gespräche im Kolpinghaus, der gar nicht anwesend war: Kempens Kämmerer Jörg Geulmann. Das Krefelder CDU-Mitglied, das einst die Tönisvorster Union geführt hat, war in aller Munde. Schließlich hatte er am Dienstagabend eine Haushaltsrede im Kempener Rat gehalten, in der er den Bürgermeister – seinen Vorgesetzten – massiv kritisierte. Der Verwaltungsspitze um Volker Rübo warf Geulmann öffentlich mangelnde Entscheidungsfreudigkeit vor: „Wir verfangen uns immer wieder in alten Strukturen. Es fehlt bisweilen an dem Ansporn neue Wege zu gehen, um so zu besseren Ergebnissen zu gelangen.“ Die Verwaltung sei auf die Herausforderungen der Zukunft nicht vorbereitet. Am Schluss seiner durchaus aufsehenerregenden Haushaltsrede verabschiedete sich Geulmann dann in den Urlaub – bis zum 11. Oktober.

Ob der Auftritt im Rat nun eine Bewerbungsrede als Bürgermeisterkandidat war, darüber rätselte das eine oder andere Mitglied der CDU. Intern habe Familienvater Geulmann das Amt des ersten Bürgers der Stadt bislang für sich ausgeschlossen – zumindest für das Wahljahr 2020, heißt es aus Parteikreisen. Und deshalb befinden wir uns in Sachen Geulmann so wie bei Philipp Kraft im Spekulationsbereich. Schließlich hat sich Bürgermeister Rübo noch gar nicht öffentlich zu seiner Zukunft geäußert. 

Der neue Parteivorsitzende wird sich nun intensiv mit der vertrauten Achse Rübo-Bogedain über die aktuellen Themen beraten. Gleichzeitig weiß er den in der Partei angesehenen Kreistagsfraktionsvorsitzenden aus Kempen, Peter Fischer, hinter sich. Und auch Kreisparteichef und Landtagsabgeordneter Marcus Optendrenk hält große Stücke auf Kraft. Beste Voraussetzungen also, um Akzente zu setzen und möglicherweise eben nicht allzu brav zu agieren.

Mehr von Westdeutsche Zeitung