Ein Besuch bei Tante Emma

Das Herzstück der Hofanlage Waldniel ist das Wohnhaus. Dort kann man wie früher stöbern und naschen.

Grefrath. Das Freilichtmuseum Dorenburg teilt sich neben einzelnen Werkstätten und Gebäuden auch in Hofanlagen auf. Der zweite Teil der Serie über das Freilichtmuseum beschäftigt sich mit der Hofanlage Waldniel. Benannt nach der Gemeinde, aus der das Wohn-Stall-Haus stammt.

Foto: Kurt Lübke

Große Teile der Fassade des ursprünglich reinen Fachwerkhauses wurden im Jahr 1785 durch Feldbrandsteine ersetzt. Und zwar die Teile, die zur Straßenseite hin zeigen, auf der Rückseite blieb allles beim Alten. „Das zeigt, dass das Haus in erster Linie Prestigeobjekt war“, schreibt der ehemalige Museumsleiter Peter Mielke im Museumsführer von 1997.

Ursprünglich bestand die Anlage aus dem Wohnhaus und einer Scheune. Durch zusätzliche Bauten entstand eine kleine, fast geschlossene Hofanlage. Der Notstall — zum Beschlagen der Kaltblüter — stammt aus dem Jahr 1802 und die große Scheune ist von 1791. Beide stammen von anderen Höfen des Niederrheins. „Die Kutscheremise ist eine Rekonstruktion aus der Zeit um 1800“, sagt Museumsleiterin Anke Wielebski. In der großen Scheune ist der Museumsfuhrpark untergebracht; die kleine wird für Projekte genutzt.

Insgesamt ist die Anlage typisch für das 19. Jahrhundert. Die beginnende Industrialisierung wirkte sich auf die Bauern aus. Kleine Höfe und Tagelöhner mussten sich zusätzlich in Fabriken Arbeit suchen, da die Erträge der eigenen Höfe nicht mehr für den Unterhalt der Familie ausreichten. Da die Männer ihr Brot auswärts verdienten, mussten die Frauen auf dem Hof mehr mit anpacken. Bauern mit viel Land und Vieh waren in der Lage ihre Höfe zu modernisieren, kleinere Bauern mussten ihre Höfe aufgeben.

Auch die Art zu wohnen änderte sich. Die Medizin machte Fortschritte und im gleichen Maße änderte sich auch das Gesundheitsbewusstsein der Menschen: Toiletten, Bäder und fließendes Wasser hielten Einzug in die Wohnungen.

Herzstück der Hofanlage ist das Wohnhaus, in dem sich die Webstube und der der Tante-Emma-Laden befindet, geführt von Monika (69) und Dieter Schommer (72). „Herr Mielke hat vor fünf Jahren entschieden, dass wir das machen sollen“, erzählen die beiden schmunzelnd. Das passende Rüstzeug haben sie mitgebracht: Interesse an Geschichte und eine Sammelleidenschaft.

Die beiden Grefrather haben den Raum mit vielen ihrer eigenen Stücke aus Haushalt, Spielzimmer und Handwerk bestückt. Die Dinge sind aus den 1950er Jahren und älter. Dazu gibt es Schenkungen und Stücke aus dem Museum. Wie ein Tornister, den Schüler um 1800 benutzten. Mit Kreide konnte auf dem Kasten geschrieben werden und im Innern war vor allem die Verpflegung für den meist langen Weg zur Schule und wieder nach Hause.

„Wir können zu fast allen Dingen eine Geschichte erzählen“, sagt Dieter Schommer. Wie zum alten Maggikarton, den der Kempener Karl Mardus den Eheleuten übergab. Er gehörte schon dessen Großmutter und hat als Paket, Koffer und Aufbewahrungsbox gute Dienste geleistet.

Zum Tante-Emma-Laden gehören auch Süßigkeiten, Wurst, Senf und Kuchen nach alten Rezepten. Beliebt sind die Kuchen von Monika Schommer, die sie in einer Gaststättenküche backt. „Auch wir unterliegen der Lebensmittelüberwachung.“ Kellerkuchen, auch bekannt als Kalte Schnauze, ist das Standardbackwerk im Tante-Emma-Laden. Blechkuchen gibt es mit den Früchten der Jahreszeit. „Ich habe dafür eine Stammkundschaft, die meinen Boden liebt“, sagt Monika Schommer, die an Sommerwochennden gleich mehrere Bleche ins Freilichtmuseum schleppt. Von November bis März ist der Laden am Wochenende geöffnet (ab 11 Uhr). In der Hauptsaison findet man das Ehepaar an jedem Öffnungstag dort. „Das ist unser Hobby“, sagen die beiden.

Mehr von Westdeutsche Zeitung