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Ehrenrunde: Rektoren halten an „Warnschuss“ fest

Ehrenrunde: Rektoren halten an „Warnschuss“ fest

Die Schulleiter aus Kempen, Grefrath und Nettetal halten nichts von einer möglichen Abschaffung der „Ehrenrunde“.

Kempen/Grefrath/Nettetal. Als „realitätsfern“ bezeichnet Helmut Schmitz, Leiter der Gemeinschaftsgrundschule (GGS) Lobberich, die Debatte um die Abschaffung des Sitzenbleibens. „Die Idee ist keine schlechte, aber es fehlen uns die Rahmenbedingungen.“

Es ist ein Thema mit Diskussionspotenzial — ausgelöst durch die Pläne der neuen rot-grünen Landesregierung in Niedersachsen, die Ehrenrunde in allen Schulformen durch vermehrte individuelle Förderung abzuschaffen.

„Mit entsprechendem Personal wäre das vielleicht möglich. Wir sind dafür aber zu knapp besetzt und die Klassen sind viel zu groß“, so Schmitz. „In unserer Jahrgangsstufe 2 sind insgesamt 59 Kinder aufgeteilt in zwei Klassen à 30 und 29 Schülern.

Eine dritte Klasse darf nach Vorgaben des Landes erst dann gegründet werden, wenn die Schülerzahl auch langfristig über 60 bleibt. Und selbst dann wären die Klassen für die notwendige individuelle Förderung noch zu groß.“

Eine „typische Ehrenrunde“ sei in der GGS aber seit langem nicht mehr gedreht worden. „Das passiert bei uns im Laufe des Schuljahrs“, erklärt der Rektor. Nach Antrag auf Rücksetzung könnten Kinder mit Defiziten in Leistung und Entwicklung in eine untere Klasse wechseln. „Die Schüler bis zum Ende mitzunehmen und dann die Fünfen aufs Zeugnis zu knallen, ist der falsche Weg.“

Auch an der Liebfrauenschule Mülhausen wird nicht „gewartet bis das Kind in den Brunnen gefallen ist“, so Schulleiter Lothar Josten. „Unser Ansatz ist, früher mit Fördermaßnahmen anzufangen und in Beratungsgesprächen mit Lehrern, Eltern und Schüler Lernvereinbarungen zu treffen.“

„Wo ist der Anreiz für den Betroffenen, sich überhaupt anzustrengen, wenn er immer wieder in die nächste Jahrgangsstufe mitgenommen wird?“, fragt Hubert Kalla, Rektor der Martin-Hauptschule in Kempen. Auch dort werde auf präventive Förderung gesetzt, das Sitzenbleiben werde als „wichtige letzte Maßnahme und bedeutender Warnschuss“ angesehen.

„Durch die Umstellung auf den Ganztag haben wir mehr Möglichkeiten mit den Schülern, das im Unterricht besprochene nachzuarbeiten“, so Kalla. Die Martinschule ist außerdem Teil der Initiative „Komm mit! — Fördern statt Sitzenbleiben“ der Landesregierung. Ein Projekt, das Früchte trägt — die Quote der Sitzenbleiber an der Martinschule sei niedrig.

„Das Sitzenbleiben abzuschaffen, halte ich für völligen Blödsinn“, sagt Roland Schiefelbein, Rektor der Gesamtschule Breyell. An Gesamtschulen werde bis zur 9. Klasse grundsätzlich versetzt, die Option „sitzenzubleiben“ bleibt jedoch. „Auf Antrag der Eltern kann der Schüler die Klasse wiederholen oder aber auch überspringen. Das wird im Gespräch mit den Lehrern abgestimmt.“

Nach Ende der 9. Jahrgangsstufe habe der Schüler auch bei ausreichenden Leistungen die Möglichkeit, das Jahr zu wiederholen: Wenn beispielsweise die Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe vom Schüler nicht erreicht wird.

„Die Initiative für eine Nichtversetzung liegt also in erster Linie bei Schülern und Eltern. Wir bemühen uns jedoch, früh genug zu intervenieren“, sagt Roland Schiefelbein. Die Devise in Breyell laute, präventiv zu arbeiten, um einer Nichtversetzung vorzubeugen.