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Dorothee Heussen über ihre Kindheit in Kempen

Serie –100 Kempener Jahre : Die 60er in Kempen: Kaum Autos, aber viel Freiheit

Als Dorothee Heussen klein war, gab es weit weniger Autos, Telefone, Fernseher als heute – dafür viel Freiheit. In der WZ-Serie erinnert sie sich an ihre schöne Kindheit.

Wenn Dorothee Heussen an der St. Peterskirchstraße entlanggeht, fühlt sie sich zurückversetzt in ihre Kindheit. „Das sieht von außen noch genauso aus wie vor 60 Jahren.“ Ihre Familie zog dorthin, als die Mehrfamilienhäuser neu entstanden waren und wohnte dort sechs Jahre lang. Einen Spielplatz an der Dinkelbergstraße gab es damals schon an der gleichen Stelle wie heute. Es war eine glückliche Kindheit, an die sie gerne zurückdenkt. Kind sein, das hieß frei sein.

Von außen sieht es an der St. Peterkirchstraße noch aus wie früher. Hinter den Türen hat sich aber einiges getan. Dorothee Heussen, geborene Wefers, erinnert sich an die Wohnung, in der sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder lebte, mit einem Ofen im Wohnzimmer, der nur zu besonderen Anlässen heizte, mit der Wohnküche, in der gelebt und gespielt wurde, an das gemeinsame Schlafzimmer mit dem Bruder. Ohne Fernsehen, ohne Telefon, ohne Auto. „Unsere Nachbarn hatten ein Telefon. Als ich auf dem Spielplatz vom Klettergerüst gefallen bin und am Kopf blutete, mussten wir zum Nachbarn und ein Taxi rufen, um ins Krankenhaus zu fahren.“ Alles lief etwas langsamer als heute.

1961 zog die Familie zur Straße An der Bleiche, wo Dorothee ein eigenes Zimmer erhielt. Die Kinder waren viel draußen, spielten Verstecken, Hinkelkästchen oder „Ball an die Mauer“ – wenn man den von der Wand abprallenden Ball nicht auffangen konnte, war der Nächste an der Reihe. In einem Radius von einem Kilometer ums Haus durfte man sich bewegen, „da kam keiner gucken“, erzählt Dorothee Heussen. Früh lernte sie die Uhr zu lesen. Zum Abendessen um 17.30 Uhr kam die Familie zusammen – da waren die Eltern streng. Am meisten freute sie sich, wenn es Spiralnudeln mit selbst gemachter Tomatensoße gab.

Dorothee spielte mit Puppen und viel mit Lego. Im Keller war die Fleischmann-Eisenbahn aufgebaut. Geschichten von Kalle Blomquist gab es auf Kassette. Im Radio lief samstags eine Kindersendung. Die Familie teilte sich ein Radio mit Kassettenrekorder, das im Wohnzimmer stand. Der erste Fernseher kam 1969 – „den alten Schwarz-Weiß-Fernseher haben wir von unserem Opa geerbt.“

Schläge waren in ihrer Erziehung tabu. Als sie einmal in der Grundschule eine Ohrfeige erhielt, folgte der Protest des Vaters in der Schule. Wenn es zu Hause mal Strafen gab, dann war das hin und wieder Hausarrest. Ein- oder zweimal musste Dorothee auch ohne Abendessen ins Bett.

Nach dem Besuch im Kindergarten Hermann-Josef folgte die Schulzeit, an die sich Heussen, die bis zum Sommer Schulleiterin der Grundschule Tönisberg war und nun im Ruhestand ist, gut erinnert. Ab April 1961, damals wurde zu Ostern eingeschult, besuchte sie die katholische Mädchenvolksschule an der Wiesenstraße – dort, wo heute die Grundschule Wiesenstraße ist. Ihr Ledertornister war ausgestattet mit Schiefertafel, Schwämmchen und einem gehäkelten Läppchen zum Trockenputzen. Mit Schwungübungen fing das Schreibenlernen an. Spazierstöcke und Schleifen wurden auf die Tafel und in die Hefte gemalt. Mit der Fibel lernte sie lesen.

„Meine Lehrerin Fräulein Kleintitschen war eine Institution in Kempen. Sie hatte – für damalige Verhältnisse ungewöhnlich – einen lockeren Stil“, erinnert sich Dorothee Heussen. Am Namenstag der Lehrerin durften die Kinder Spielsachen mitbringen und spielen. Sie feierte mit den Schülerinnen kleine Feste, lernte Theaterstücke, unternahm Wandertage und viele Ausflüge. „Wie haben ganz viel erkundet“, erinnert sich Dorothee Heussen. Zwar waren die Eltern nicht alle von diesem Unterrichtsstil überzeugt, Dorothee Heussen ist aber sicher: „Wir haben dabei viel gelernt.“

Nach vier Jahren wechselte sie zum Mädchengymnasium, zunächst am Moorenring, wo heute noch das Bild an der Giebelwand des Hauses an der Thomasstraße an das Schulgebäude erinnert. Dort bröckelte 1960 der Putz von der Decke und von der Fassade, wie der Historiker Hans Kaiser in seinem Buch „So war’s – das 20. Jahrhundert in Kempen, Grefrath, Willich und Tönisvorst“ beschreibt. Doch erst 1966 konnte die Schule in den Neubau an der Berliner Allee ziehen.

Am liebsten lernte Dorothee Heussen Deutsch, Erdkunde und Sprachen, ab Klasse sieben auch Latein. Das lag nicht zuletzt an zwei tollen Lateinlehrern, die die tote Sprache für sie lebendig werden ließen. In den Pausen gingen die Schülerinnen „Jungs gucken“ am Thomaeum. Seit 1925 war das Jungen-Gymnasium im heutigen Altbau beheimatet. Ab dem Schuljahr 1972/73 wurden Mädchen regelmäßig aufgenommen. Seit 1979 gingen auch Jungen zum Gymnasium an der Berliner Allee, das seit 1980 Luise-von-Duesberg-Gymnasium heißt.

1964 war in Kempen die Realschule gestartet – zunächst in einem Pavillon auf dem Schulhof der Knabenvolksschule, wie Historiker Kaiser beschreibt. Im Juli 1965 begannen die Arbeiten am Neubau an der Wachtendonker Straße. Der Bauboom sorgte für Engpässe bei Arbeitern und Material, sodass Schüler und Lehrer erst im September 1967 einziehen konnten.

Schwimmen ging Dorothee Heussen gern und oft. Zunächst im Stadtbad an der Burgstraße, aber auch im Grefrather Freibad. Im Sommer fuhren die Kinder morgens mit Butterbroten im Gepäck mit dem Fahrrad  nach Grefrath und blieben bis zum Abend. 1971 wurde das Schwimmbad Aqua-Sol an der Berliner Allee eröffnet.

Auch mit der Familie machte Dorothee Heussen viele Fahrradausflüge: zum Hülser Berg oder zu den Nettetaler Seen. Zum Abschluss gab es bei Schmitz-Gilsing eine Sinalco, damals das Synonym für Limonade. Ein Highlight war dort die große Schaukel für mehrere Kinder gleichzeitig.

Das Fest der Feste
ist und bleibt St. Martin

Zu Weihnachten, erinnert sich Heussen, gab es einen wunderschön geschmückten Tannenbaum, den die Kinder erst nicht sehen durften. Drei Tage vor dem Fest wurde das Wohnzimmer abgesperrt. Erst wenn der Vater an Heiligabend das Glöckchen bimmelte, durfte man ins schön erleuchtete Zimmer. Ein besonderer Zauber für die Kinder. Am Ersten Weihnachtstag gab es abends im Hause Wefers traditionell ein besonderes Gericht: Toast mit Aal.

Aber das Fest aller Feste – noch schöner als Weihnachten – ist für Dorothee Heussen St. Martin. Die Vorfreude ging mit dem Fackelbasteln los. Aus schwarzer Pappe wurde das Muster, ein Fachwerkhaus, Martinsfeuer oder auch der Heilige Martin selbst, herausgeritzt und mit farbigem Papier hinterklebt. Mit der Fackel in der Hand ging es dann durch die Altstadt. Das Feuer auf dem Buttermarkt und das Feuerwerk an der Burg verzauberten die Kinder damals wie auch heute noch. An Äpfel, Nüsse, Nappo und Kekse von de Beukelaer in ihrer Bloes erinnert sich Heussen. Seit 1955 produzierte die Keksfabrik ihren Doppelkeks, der 1964 den Namen „Prinzen Rolle“ erhielt, in Kempen.

„Anschließend gingen wir zu meinem Opa an der Engerstraße 1. Alle, die ihn kannten, kamen dorthin und es gab Püfferchen, Kartoffelsalat, Würstchen. Mein Onkel Paul wohnte immer in seinem Elternhaus. Er hat die Tradition meines Opas fortgeführt. Erst als er 2010 gestorben ist, lief das Beisammensein langsam aus. “ Aber noch heute ist das Fest für Dorothee Heussen eine wichtige Tradition.