Die Schicksale von Kindern, die Auschwitz überlebten

Ausstellung in der Kirche Christ-König : Lidia spielte Auschwitz nach

Eindrucksvoll werden die Schicksale von Kindern, die das KZ überlebt haben, in der Kirche Christ-König beschrieben. Die Ausstellung „Vergiss deinen Namen nicht – die Kinder von Auschwitz“ ist bis 30. Juni in Kempen zu sehen.

„Lidia war so sehr von dem in Auschwitz Erlittenen geprägt, dass sie lange Zeit noch Szenen aus dem Lager nachspielte: Wenn jemand beim Spielen hingefallen war, zog sie das Mädchen oder den Jungen an den Füßen und sagte: ,Du gehst jetzt in den Ofen!’ Oder sie kommandierte, alle sollten sich in eine Reihe stellen, worauf sie jedem ein Stück Holz gab, es wie ein Thermometer anschaute und sagte: ,Na, du bist schon kaputt.’“

Diese Zeilen stehen unter dem Foto von Lidia. Ein Mädchen, das mit etwa vier Jahren aus dem Konzentrationslager Auschwitz befreit werden konnte. Lidias Schicksal ist eines von etwa 30, über die man sich seit Sonntag in der Kirche Christ-König informieren kann. Es geht um die Biografien, zu denen der Autor Alwin Meyer seit Jahrzehnten forscht. Entstanden sind Buch und Ausstellung mit dem Titel „Vergiss deinen Namen nicht – die Kinder von Auschwitz“. Die Ausstellung in Kempen wurde am Sonntag eröffnet – mit einem Grußwort von Landrat Andreas Coenen und mit einer Lesung von Alwin Meyer.

„Ich habe mich jetzt schon eine längere Zeit mit dem Buch befasst. Aber als ich am Donnerstagabend die fertige Ausstellung betreten habe, hat mich das gepackt“, sagt Ina Germes-Dohmen, Vorsitzende des Geschichts- und Museumsvereins, der die Ausstellung gemeinsam mit der Kirchengemeinde organisiert hat. Ideengeber ist einmal mehr der fraktionslose Ratsherr Jeyaratnam Caniceus, der bereits mehrere Ausstellungen gegen das Vergessen nach Kempen geholt hat. „Ich bin froh, dass der Geschichts- und Museumsverein diese Idee unterstützt“, so Caniceus. Denn: Um weiterhin Geld aus dem Fördertopf „Demokratie leben“ des Kreises Viersen zu bekommen, musste Caniceus dieses Mal einen Verein im Rücken haben. „Für uns ist das Neuland“, so Germes-Dohmen. „Aber es ist die Aufgabe unseres Vereins, das geschichtliche Bewusstsein der Kempener zu stärken.“

Bauzäune stehen für
eine Art „Vergitterung“

Und die Ausstellung zu den Kindern von Auschwitz erfüllt diesen Zweck vollends. Im ohnehin beeindruckenden Kirchenraum am Concordienplatz wirken die Schautafeln mit Fotos von und Texten über die Kinder und Jugendlichen, die die Hölle von Auschwitz überlebt haben, intensiv. Verstärkt wird dies dadurch, dass die Ausstellungsstücke an ganz profanen Bauzäunen befestigt sind. „Aus praktischer Sicht eignen sich die Zäune am besten. Aber letztlich stehen sie für eine Art Vergitterung“, so Germes-Dohmen.

Kinder kannten weder
Namen, Alter noch Herkunft

In Buch und Ausstellung beschreibt Alwin Meyer die Kindheit derer, die eigentlich keine Kindheit hatten. Er stellt die Schicksale der Kinder heraus, die nach ihrer Befreiung weder ihren Namen noch ihr Alter oder ihre Herkunft kannten. Einzig die Häftlingsnummer, die ihnen die Nazis wie in der Viehhaltung eintätowiert hatten, war ihnen bekannt.

„Es ist eine sehr persönliche Ausstellung“, sagt Germes-Dohmen. „Es geht nicht um Statistiken. Es geht um die einzelnen Biografien, die die Gräueltaten greifbar machen.“

Mehr als 650 Schüler werden sich an dem Projekt beteiligen

Weil es um Kinder und Jugendliche geht, hat die Ausstellung in Kempen das Ziel, Schülerinnen und Schüler zu erreichen. „Vielleicht sind Jugendliche manchmal etwas überdrüssig ob der fortwährenden Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten. Weil sie aber hier Konkretes über einzelne Kinder erfahren, wächst möglicherweise das Bewusstsein“, so Germes-Dohmen. Mehr als 650 Jugendliche der weiterführenden Schulen aus Kempen und Mülhausen werden von Montag bis Mittwoch die Ausstellung in Christ-König besuchen. Dazu wird der aus Cloppenburg stammende Meyer bis Mitte der Woche Lesungen für die Schülerinnen und Schüler anbieten. „Ich freue mich, dass die Schulen alle mitmachen“, sagt Caniceus über den „sehr lebendigen Geschichtsunterricht“. So seien auch weitere Schulen in den nächsten Wochen willkommen.

Die Ausstellung in der Kirche am Concordienplatz ist bis 30. Juni zu sehen. Geöffnet ist donnerstags bis samstags von 15.30 bis 17 Uhr sowie jeden Sonntag nach dem Gottesdienst um 11.30 Uhr. Der Eintritt ist frei. Telefonisch können Termine vereinbart werden. Kontakt: Ina Germes-Dohmen, 02152/519613, Jeyaratnam Caniceus, Tel. 0171/3636156.

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