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Die „Kultur-Singles“ erobern das Freilichtmuseum

Die „Kultur-Singles“ erobern das Freilichtmuseum

Viel Lob gab es von den Teilnehmern für das neue Angebot im Museum an der Dorenburg. In der Gruppe macht Kultur noch mehr Spaß.

Grefrath. In den Leinenbeuteln, die Jochen Scheel gerade an die Teilnehmer verteilt, klappert es leise. „Das sind die Bauelemente für die einzelnen Seitenwände. Sie haben zum Beispiel das Dach“, sagt die museumspädagogische Honorarkraft vom Niederrheinischen Freilichtmuseum. „Hilfe!“, ist der Kommentar der 61-jährigen Kempenerin zu hören, bevor sie und ihre Mitbauerin herzlich lachen und die Holzbauteile auf den Tisch im großen Gruppenraum des Museums ausschütten. Sekunden später sind alle in die Anleitungen vertieft und fügen Balken zusammen. „Wenn alle ihre Seiten fertig gebaut haben, brauchen wir sie nur zusammenzufügen und fertig ist unser Ständerwerk für das Fachwerkhaus“, informiert Scheel und deutet auf ein bereits fertiges Modell auf dem Tisch. Eigentlich hätte die Arbeit an einem größeren Modell auf dem Außengelände stattfinden sollen, aber das Wetter macht dem mit Schneetreiben und eisigem Wind einen Strich durch die Rechnung.

Aber das kann der Premiere der „Kultur-Singles“ nichts anhaben. Unter dem Titel „Mit Kluft, Beil und Säge — Zimmermänner bei der Arbeit“ hat das Museum zu dem neuen Event eingeladen, bei dem Einzelpersonen angesprochen sind. Die Idee zu der Veranstaltungsreihe „Kultur-Singles“ entstand im vergangenen Jahr. Das Museumsteam hatte den Wunsch, Einzelbesuchern die Teilnahme an den Gruppenveranstaltungen des Museums zu erleichtern. „Nicht jeder findet in seinem Umfeld immer jemanden, der das eigene Interesse an kulturellen Angeboten teilt. Viele Menschen scheuen sich jedoch davor, eine Veranstaltung ohne Begleitung zu besuchen“, sagt Museumsleiterin Anke Wielebski.

Es kam der Vorschlag, ausgewählte Angebote aus dem bestehenden Programm ausschließlich für Einzelbesucher anzubieten. „Es geht dabei in keiner Weise um eine Partnervermittlung. Wir möchten lediglich die Hemmschwelle zum Museumsbesuch senken und ein Kulturerlebnis unter Gleichgesinnten anbieten. Daher auch der Name Kultur-Singles“, erläutert Wielebski. Wenn das Angebot gut aufgenommen werde, möchte das Museum es weiter ausbauen.

Von den Teilnehmern der Premierenveranstaltung gibt es indes viel Lob. „Eine sehr gute Veranstaltung. Das alte Handwerk quasi live erleben und mal Handwerkzeug in die Hand zu nehmen, das sonst an der Wand hängt, war interessant. Meine Frau war am Thema nicht so interessiert und daher fand ich das Angebot ,Kultur-Singles’ prima“, sagt Frank Butzke. Eine gesellige Runde und Kultur in lockerer Form erleben, dafür stehe das neue Angebot, das ihm sehr gut gefallen habe, schließt sich Maik Giesen an.

Neben dem Bau eines Fachwerkständerhauses nimmt Scheel die Teilnehmer mit auf die Walz. Ob die Bekleidung des Zimmermannes vom schwarzen Hut mit der breiten Krempe über den Charlottenburger und dessen Knotentechnik bis hin zum gedrehten Wanderstock, dem Stenz und den Abbundzeichen - Scheel vermittelt Wissen. Dazu gehört auch der Ohrring, der zudem mit einem noch heute bekannten Begriff zu tun hat. „Wenn der Zimmererlehrling ausgelernt hatte, stach ihm sein Meister mit einem Nagel und einem Hammer ein Loch für den Ohrring mit dem Zunftzeichen ins Ohr. Das trug er fortan“, erzählt Scheel. Verhielt sich ein Zimmermann unehrenhaft, wurde ihm dieser Ring herausgerissen. Und genau von dem so entstandenen Schlitz im Ohr kommt der Begriff Schlitzohr. Ein Begriff den alle kennen, aber keiner wusste bis dato, wie er entstanden ist.