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Kempen: Denkanstöße zur Steuererklärung

Kempen : Denkanstöße zur Steuererklärung

Die leisen, aber inhaltsschweren Worte des Kabarettisten Stefan Waghubinger kamen beim Publikum in St. Hubert sehr gut an.

St.Hubert. Kleinkünstler gibt es wie Sand am Meer. Umso erstaunlicher, wenn einer so auftritt wie kein Zweiter. Auf Stefan Waghubinger trifft das zu. Sein Programm „Außergewöhnliche Belastungen“ bringt das Publikum zwar auch zum Lachen. Es gibt aber noch einen Zusatznutzen: Man überdenkt seine Art zu leben.

Stefan Waghubinger, vor 50 Jahren im oberösterreichischem Steyr geboren, studierte Theologie und lebt seit 1993 in Stuttgart. Eine Besonderheit: Er ist Mitglied des Hochbegabtenvereins „Mensa in Deutschland“. Hochgradig intelligent sind auch seine sprachlich genialen Denkanstöße, die er ständig gibt.

Die Rahmenhandlung ist dabei das Ausfüllen der Formulare für die Steuererklärung. Sie geht ihm alles andere als leicht von der Hand. Überhaupt zeigt sich Waghubinger als etwas schrullig-verschroben. Er spricht ein wenig so, als habe er sich bei der Dosierung des Tranquilizers vertan. Nach einem heiteren Kleinkunstabend mag das nicht klingen. Aber die leisen, sehr bedächtigen Töne kamen beim Publikum wohl auch wegen ihrer Inhaltsschwere sehr gut an.

„Wegen ein paar Betrügern werden ehrliche Menschen wie ich erwischt“: In jedem seiner Sätze liegt ein tieferer Sinne, eine Aufforderung, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, sein Verhalten kritisch zu reflektieren. Eine Frau, die joggt, beschreibt der Wahl-Stuttgarter so: „Sie versucht, sich laufend zu verändern.“ Mit einem naiven Gesichtsausdruck und völlig frei von Temperamentsausbrüchen lässt der 50-Jährige sein Publikum an seiner Kindheit teilhaben. Er erzählt von seiner kratzigen, selbst gestrickten Jacke, einem Weihnachtsgeschenk, das ihm unangenehmen Juckreiz bescherte und von der Kargheit, die in seinem Elternhaus vorherrschte. „Ohne Kolumbus gäbe es viel mehr Indianer — aber keiner wüsste es“, erklärte der Wortjongleur und fügte hinzu: „Das Spuren lesen haben die Amerikaner von den Indianern übernommen — ohne dabei rot zu werden.“

Das Zerstreute, das Waghubinger ausstrahlt, täuscht. Zwar ist sein Programm geprägt von Nachdenklichkeit und Sensibilität, aber auch von Wortwitz und Tiefsinn. Er stellt Zusammenhänge her, die so bislang kaum gesehen worden sein dürften: So vergleicht er verschleierte Frauen mit der Kunst Christos.

Toll auch die Geschichte von seinem Onkel, einem Fährmann, der seine Fähre aus Unachtsamkeit versenkte mit der existenzvernichtenden Folge, dass genau an der Unfallstelle eine Brücke errichtet wurde. „Wenn Klaus Wowereit für den Bau der Brücke verantwortlich gewesen wäre, hätte mein Onkel seinen Job noch“, ist sich Waghubinger sicher. Was ebenfalls als sicher angesehen werden kann: Der gebürtige Österreicher wird seinen Job als Kabarettist wohl so schnell nicht verlieren. rudi