Collies beflügeln Senioren

Collies beflügeln Senioren

Im Von-Broichhausen-Stift bekommen die Bewohner regelmäßig Besuch von den Hunden der Züchterin Dorothea Stützel.

Kempen. Vorsichtig gleiten die Hände der 92-Jährigen durch das lange, dichte Fell des Collies. Gina legt den Kopf sanft in den Schoß der alten Dame. Leuchtende Augen — ein Moment der Stille. Die Bewohnerin des Von-Broichhausen-Stifts ist eine von etwa 15 Senioren, die sich jede Woche wieder auf den tierischen Besuch freuen. Mit dabei ist Frauchen Dorothea Stützel.

Das, was Menschen nur schwer erreichen, gelingt den Hündinnen mit Leichtigkeit: Der Mann am Rollator strahlt, die an Demenz erkrankte Dame spricht die ersten Worte des Tages und der alte Herr, der eben noch über seine schmerzenden Beine klagte, hat sie nun vergessen.

Bei den Visiten gibt es sowohl ruhige Minuten als auch aktionsreiche Momente, wenn zum Beispiel Leckerchen verteilt werden. Dann sind die vier Collie-Hündinnen kaum zu halten. Der Mann am Rollator hat seine Zurückhaltung längst abgelegt und hält lachend den Hundekeks in der Hand. Schwer zu sagen, auf welcher Seite die Freude größer ist.

Allein die Anwesenheit der ausgeglichenen Hunde beflügelt die Bewohner. Sie streicheln, beobachten und stellen Fragen. „Wie alt sind die Hunde? Was bekommen sie zu fressen?“ Selbst die demente Dame verfolgt aufmerksam die Gespräche und erzählt von früher.

Eine andere Frau erinnert sich, wie ihr Hund damals den Wagen voller Milchkannen gezogen hat. „Wir hatten auch einen Schäferhund und einen Collie“, weiß der Mann mit dem Rollator. Der Herr neben ihm genießt derweil, dass die dreijährige Queenie zu seinen Füßen liegt.

Ein 88-Jähriger ist mit einer Hündin zurückgekommen — mit ihr spaziert er regelmäßig durchs Haus. „Die Freude ist bei allen groß. Ich erlebe viele positive Reaktionen“, sagt Dorothea Stützel, die Collies züchtet. Selbst eine bettlägerige Dame mit spastischen Lähmungen entkrampft, wenn sich einTier einige Zeit zu ihr legt.

Elisabeth Greiffendorf, Leiterin des Sozialen Dienstes im Stift, hat von Beginn an die Hundebesuche unterstützt: „Wir sind sehr glücklich darüber.“ Die älteren Menschen erfülle der Besuch mit Wärme. Ängste der Angehörigen, dass Bewohner sich verletzen könnten oder dass es ein hygienisches Problem geben könnte, hätten sich nicht bestätigt.

Dennoch: Nicht jeder Hund kann eine solche Situation bewältigen. „Hier ist eben nichts alltäglich: der glatte Boden, die Rollatoren, Rollstühle; die älteren Menschen bewegen sich anders“, sagt Stützel. Das alles darf das Tier nicht aus der Ruhe bringen — eine enorme Leistung.

Mit der „Begleithundeprüfung“ haben die Collies eine Grundausbildung. Was so leicht aussieht, verlangt Tier und Besitzer einiges ab: Kraft und Konzentration kostet es Hunde und Tierhalterin allemal. Wie bei jedem anderen Training werden die Hunde gefordert. „Es wird uns aber eine Menge zurückgegeben“, sagt die 37-Jährige. Und: „Keine Zeit hat jeder. Wenn jemand nur ein paar Minuten für den alten Nachbarn oder Bekannten aufbringt, wäre die Welt doch gleich viel wärmer.“

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