Besonderes Experiment am Kempener Gymnasium

Wissenschaft in Kempen : LvD-Ballon schwebt ins Sauerland

Nach technischen Problemen und mit Zeitverzögerung ist am Gymnasium ein spektakuläres Projekt gestartet worden.

Ein Hauch von Cape Canaveral weht über den Schulhof des Luise-von-Duesberg-Gymnasiums (LvD) in Kempen. Allerdings erinnert die Szene zunächst an die Mission Apollo 13, bei der bekanntlich einiges schiefging und die schließlich abgebrochen werden musste.

Im Falle des LvD geht es am Donnerstagmittag zwar nicht um einen Flug zum Mond, sondern um einen unbemannten Wetterballon. Doch auch hier läuft die Sache nicht rund. Hektisch tippen die Verantwortlichen in ihre Laptops, die auf Tischen in einem mit Flatterband abgesperrten Bereich stehen. Andere öffnen die grüne Styroporbox, in der sich kleine Messgeräte befinden: Höhe, Druck, Temperatur, ja sogar radioaktive Strahlung sollen sie aufzeichnen.

Die Schüler werden
langsam ungeduldig

Doch irgendwie will die Technik nicht so recht mitspielen. „Ich habe kein WLAN mehr“, kommt es genervt aus der Open-Air-Kommandozentrale. Die Mädchen und Jungen, die sich mit gezückten Smartphones in Scharen versammelt haben, werden langsam ungeduldig – Kempen, wir haben ein Problem.

„Tropo-Escape“ lautet der Name des Projekts, das es so noch nie an dem Gymnasium gegeben hat (die WZ berichtete) und das Schüler, Ehemalige, Lehrer, Eltern vereint. Auch die Hochschule Niederrhein ist mit an Bord. Unternehmen steuern unter anderem digitales Knowhow und das Helium bei.

Die Idee zum wissenschaftlichen Ballonflug hatte Christian Reiners, Physik- und Biologielehrer am LvD. Unterstützt wird er unter anderem von Informatik-Lehrer Oliver Zimmermann. Vorgesehenen ist eine Höhe von 35 Kilometern. Damit schwebt der Ballon in der Stratosphäre (und eben nicht mehr in der Troposhäre, daher „Tropo-Escape“). Zum Vergleich: Die durchschnittliche Reiseflughöhe eines Passagierflugzeugs liegt bei gerade einmal 10 000 Metern.

Bei der Luftfahrtbehörde musste im Vorfeld abgeklärt werden, ob so etwas überhaupt erlaubt ist. Nach einer ersten grundsätzlichen Freigabe musste das LvD zwei Wochen vor dem Start nochmals einen Antrag mit dem exakten Starttag, der Zeit und dem Ort stellen.

Gegen 13.30 Uhr, so verkündet ein Pappschild, soll es ab in die Lüfte gehen. Doch die Minuten vergehen und vergehen und die Bodencrew kämpft mit diversen Widrigkeiten. Allein das Befüllen des Wetterballons mit Helium dauert länger als eine halbe Stunde. Die Reihen der jungen Zaungäste lichtet sich, manche vertreiben sich die Wartezeit mit Fußball.

Das Wetter allerdings könnte besser nicht sein. Der Himmel über Kempen zeigt sich wolkenlos und in einem strahlenden blau. Das Kleidungsstück der Wahl an diesem Septembertag ist das T-Shirt. Perfekte Bedingungen auch für eine kleine surrende Drohne, die das Geschehen am Boden aus einigen Metern Höhe filmt.

Auch der Kasten unterhalb des Ballons ist mit einer Kamera versehen und soll Live-Bilder zur Erde funken. „Ab 30 bis 35 Kilometer Entfernung ist bereits die Erdkrümmung zu erkennen“, so Lehrer Zimmermann. Im Internet können die Bilder und die erfassten Daten verfolgt werden.

Gemeinsam wird
rückwärts gezählt

Dann endlich, mehr als eine Stunde später als geplant, kommt der Countdown: „10, 9, 8, 7...“. Jetzt gucken wieder alle ganz gespannt auf das Geschehen. Mehrere Hände lassen den Ballon los, der rasch an Höhe gewinnt. An einer langen Schnur baumeln ein roter Fallschirm und das Messkästchen. Auf die Technik zur Erfassung radioaktiver Strahlung wurde kurzerhand verzichtet - sie hatte zu viel Ärger bereitet.

Der LvD-Flugkörper ist ganz schön fix. Weniger als drei Stunden nach dem Start verrät das Signal, dass er sich über Herdecke befindet, immerhin 70 Kilometer entfernt. Das Duo Reiners/Zimmermann nimmt im Auto die Verfolgung auf. Laut Prognosen soll die Landung bei Winterberg im Sauerland erfolgen.

Das LvD-Projekt geht weiter: Die erfassten Daten sollen nun im Unterricht besprochen werden.

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