Bei der Tagespflege sind Männer immer noch eine Ausnahme

Ein Tagesvater aus Kempen : Nicht superreich, aber glücklich

Jonas Duarte de Carvalho gehört zu einer seltenen Berufsgruppe. Der 32-jährige Kempener arbeitet als Tagesvater.

Wenn man das Wort „Tagesmutter“ googelt, spuckt die Suchmaschine fast vier Millionen Treffer aus. Bei Tagesvater sind es nur rund 647 000 Ergebnisse. Dass Männer im Bereich Kindererziehung unterrepräsentiert sind, ist keine Neuigkeit. Auch in Kempen gibt es deutlich mehr Frauen, die Kinder – meist unter drei Jahren – bei sich zu Hause oder in dafür eigenen Räumen betreuen. Der 32-jährige Kempener Jonas Duarte de Carvalho gehört zur seltenen Gruppe der Tagesväter – und ist sehr glücklich mit dieser neuen Aufgabe.

„Mit der Geburt meines Sohnes hat sich die Welt für mich gedreht“, sagt der gelernte Kaufmann im Einzelhandel und für Bürokommunikation, der im Lebensmitteleinzelhandel auch in Führungspositionen gearbeitet hat. Der junge Vater ging mit seinem Sohn Dante, der nun im August drei Jahre alt wird, gerne zur Krabbelgruppe und zum Schwimmen. „Dabei habe ich gemerkt, dass ich ein Händchen für Kinder habe.“

Seit er ein Jahr alt ist, geht sein Sohn zu einer Tagesmutter. Auch die Arbeit dieser Kollegin habe ihn sehr inspiriert. Jonas Duarte de Carvalho informierte sich über die Rahmenbedingungen, absolvierte die Grund- und Aufbauqualifiizierung zur Tagespflegeperson und machte sich im April 2018 selbstständig. „Ich bin sehr glücklich, dass ich diesen Schritt gewagt habe“, sagt er ein Jahr später.

Die Nachfrage nach Plätzen ist groß. Von vielen höre er immer wieder, wie gut es sei, dass auch ein Mann diese Aufgabe übernimmt. Von der Tagespflege über Kindergarten bis zur Grundschule sind es doch meist Frauen, die sich um die Erziehung der Kinder kümmern. Für eine alleinerziehende Mutter sei es auch besonders wichtig gewesen, dass ihr Kind beim Tagesvater auch den Umgang mit einem Mann kennen lernt.

Schon vor der Geburt erhält der Tagesvater Anfragen für einen Betreuungsplatz. Fünf Kinder betreut er mittlerweile. Das Jüngste kam mit acht Wochen. Das sei schon eine besondere Herausforderung. Ob er diese übernehmen wolle, darüber musste er zunächst einmal nachdenken. Aber nun läuft alles gut. „Dass mir Eltern ihre Kinder anvertrauen, dass ist für mich immer wieder ein Riesenkompliment“, sagt Jonas Duarte de Carvalho, der sichtlich stolz auf seine Aufgabe ist.

Immer wieder wird Kritik an der Bezahlung der Tagespflegepersonen laut. „Superreich wird man nicht“, sagt Duarte de Carvalho. Aber er sei zufrieden. Es sei eine angemessene Bezahlung für den manchmal durchaus auch anstrengenden Job. Die Freude an seinem Beruf ist ihm anzumerken.

Viele Familien, besonders wenn sie eine Betreuung für kleinere Kinder benötigen, schätzen an der Kindertagespflege das familienähnliche Umfeld. Ein Vorteil ist auch die hohe Flexibilität. Im Gegensatz zu den festen Öffnungszeiten der Kindertageseinrichtung kann man mit einer Tagespflegeperson die Betreuungszeiten individuell absprechen.

Für seinen Sohn (3) hat der Tagesvater noch keinen Kita-Platz

 Morgens um 7 Uhr, ab August sogar ab 6.30 Uhr, kommen die Kinder zu Jonas Duarte de Carvalho. Die letzten Kinder werden dann um 17.30 Uhr abgeholt. Nach dem Ankommen, Vorlesen und Spielen steht ein gemeinsames Frühstück an. Danach geht es oft nach draußen, bevor das Mittagessen gekocht wird. Nach dem Essen folgt der Mittagsschlaf. Wenn dann die ersten Kinder schon abgeholt werden, bleibt für die anderen noch Zeit für Malen, Puzzlen oder Spielen.

In Kempen gibt es derzeit 30 Tagesmütter und -väter. Vier weitere befinden sich nach Angaben der Stadt in Ausbildung. Insgesamt stehen auf der Liste des Jugendamtes 136 Tagespflegeplätze in Kempen, St. Hubert und Tönisberg.

Dass die Nachfrage so groß ist, liegt auch daran, dass die Kindertagesstätten den Bedarf nicht decken können. Wie die WZ berichtet, haben im ersten Verfahren für die Anmeldungen zum Kita-Jahr 2019/20 69 Eltern eine Absage bekommen. Auch Familie Duarte de Carvalho hat für den dreijährigen Sohn zum 1. August keinen Platz bekommen. Für Eltern, die Kinder unter drei Jahren betreuen lassen wollen, schlägt die Stadt Kempen einen Platz bei einer Tagesmutter vor. 22 der 69 Kinder, die im ersten Vergabedurchgang keinen Platz bekommen haben, sind über drei Jahre alt und hätten einen Rechtsanspruch.

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