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Corona: Kreis Viersen: 70 000 Vorerkrankte warten auf Impftermine

Corona-Impfungen beim Hausarzt : 70 000 Vorerkrankte warten

Nach Ostern können Menschen mit Vorerkrankungen beim Hausarzt Impftermine vereinbaren. Doch der Corona-Impfstoff dort ist zunächst noch knapp.

Karl-Heinz Schneider (Name von der Redaktion geändert) wartet. Dieser Umstand ist an und für sich nichts Neues für ihn. Im vergangenen Jahr hat er schon viel Zeit mit Warten verbracht. Warten auf immer neue Untersuchungen im Krankenhaus, warten auf die Diagnose seiner Krebserkrankung. Alles dauert unter Corona länger, sowohl einen Termin zu bekommen, als auch in der Klinik nach Stunden endlich dranzukommen.

Tumore an verschiedenen Organen wurden bei Karl-Heinz Schneider gefunden. Im Herbst wurde ein großes Stück Lunge entnommen, im Januar gab es eine weitere Operation – nach mehrmaligen Anläufen. Einmal wurde er unmittelbar vor der OP wieder nach Hause geschickt. Überlastung im Krankenhaus. Nun ist dies überstanden. Die Chemotherapie zehrt an den Kräften, etwas mehr als 50 Kilogramm wiegt er noch. Aber die ärztlichen Prognosen sind ganz gut. Dennoch hat der 74-Jährige weiterhin Angst – vor Corona. Und er wartet auf die Impfung.

Vielen Menschen geht es so. Rund 70 000 Personen mit Vorerkrankungen gibt es im Kreis Viersen, die bei der Impfreihenfolge in die Priorisierungsgruppe 2 eingestuft werden. Das habe die Kassenärztliche Vereinigung (KV) dem Kreis gemeldet. Hinzu kommen Vorerkrankte der Gruppe 3. Viele werden mit starken Medikamenten behandelt, ihr Immunsystem ist geschwächt. Aber sie sind noch nicht dran. Selbst drei Monate nach Start der Corona-Schutzimpfungen nicht.

Auch Karl-Heinz Schneider gehört in der Impfreihenfolge zur Priorisierungsgruppe  2 – aber geimpft werden im Kreis Viersen nach wie vor fast ausschließlich Personen der Gruppe 1. Dazu zählen Menschen über 80 Jahre, Bewohner und Personal in Pflegeeinrichtungen, medizinischens Personal, das Corona-Patienten betreut.

Wer Krebspatienten betreut,
wird jetzt schon geimpft

Aber auch „Personen, die in medizinischen Einrichtungen regelmäßig Personen behandeln, betreuen oder pflegen, bei denen ein sehr hohes Risiko für einen schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf nach einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 besteht, insbesondere in der Onkologie oder Transplantationsmedizin“ zählen dazu. So steht es in der Corona-Impfverordnung. Das bedeutet: Menschen, die beispielsweise Krebspatienten betreuen, können bereits seit Jahresbeginn geimpft werden, da ihre Patienten besonders gefährdet sind. Die Risiko-Patienten selbst erhalten diesen Schutz hingegen vorerst nicht.

Dieser Umstand macht Karl-Heinz Schneider zunehmend ratlos – und beunruhigt seine Familie. Groß ist die Angst, dass nach all den Strapazen des vergangenen Jahres eine Corona-Erkrankung die guten Genesungsaussichten zunichte machen könnte. Und das jetzt, wo die Abhilfe doch greifbar nah erscheint.

Eine zusätzliche Verzögerung ergibt sich daraus, dass die Priorisierungsgruppe 2 zwischenzeitlich noch einmal erweitert wurde – um Lehrer und Kita-Personal. Diese Menschen werden durch einen entsprechenden Erlass schon jetzt geimpft. Weil sie viele Kontakte in ihrem Beruf haben.

Kontakte hat Karl-Heinz Schneider auch. Jede Woche, wenn er stundenlang mit vielen Menschen in einem Raum bei der Chemo sitzt. Wenn er Blutkonserven bekommt. Wenn die Physiotherapeutin vorbeischaut. Wenn er die Enkelkinder sehen will. Und das mag er sich nicht ganz nehmen lassen. Wer weiß schon, was die nächsten Monate noch bringen? Schneiders Frau ist noch berufstätig, auch sie hat in ihrem Job jeden Tag Kontakt zu vielen Menschen. Mit Maske natürlich und möglichst mit Abstand. Aber die Angst um den Partner bleibt.

Immer mehr Menschen in Schneiders Umfeld haben bereits einen Impftermin bekommen. Seine jüngere Schwägerin, die bei Blutspendeterminen Kaffee kocht. Sein Optiker, wie er neulich erfahren hat. Kann das stimmen? „Optiker die in Pflegeeinrichtungen tätig sind, wurden als Heilmittelerbringer gemäß Erlass geimpft“, bestätigt Kreissprecherin Laura Nestrojil. „Ich bin nicht neidisch“, stellt Schneider klar. Das helfe doch keinem. Aber die Verunsicherung wachse schon, wann Menschen wie er denn an die Reihe kommen sollen.

Über ein Attest in die Priorisierungsgruppe 2

Allein sicherzugehen, dass er überhaupt in Gruppe 2 eingestuft ist, das war schon ein kleiner Kraftakt für die Familie. Lange haben sich die Kinder eingelesen, sich im Internet durch Informationsseiten von Robert-Koch-Institut, Bundes- und Landesregierung geklickt, um herauszufinden, welche Erkrankungen zu einer Einstufung in Gruppe 2 berechtigen. Und wie man diese Einstufung gegebenenfalls herbeiführt.

Der behandelnde Onkologe verwies an die Krankenkasse, die wiederum an den Kreis, welcher zurück an den Arzt verwies. Dieser stellte am Ende vorsichtshalber ein Attest aus. Und nun? Der Sohn mailte Anfang März das Attest mit einer Beschreibung des Krankheitsbildes an alle E-Mailadressen des Impfzentrums, die online zu finden waren. Die Antwort kam auch gleich am Folgetag: „Ihren Priorisierungsantrag nach § 3 Abs. 2 Ziff. 1 CoronaImpfV haben wir erhalten. Hiernach gehören Sie zum bevorrechtigten Personenkreis, der Anspruch auf eine Schutzimpfung hat.“ Schneider werde „unaufgefordert zu gegebener Zeit“ Informationen zur Vereinbarung eines Impftermins erhalten.

Das klang gut – aber es folgte wieder Warten. Drei Wochen schon.  Laut Auskunft des Kreises sind bislang etwa 620 Atteste vorgelegt worden für eine Hochstufung in die Priorisierungsgruppe 2. Diese Menschen – und die weiteren 70 000 – sollen mit AstraZeneca geimpft werden. Nur wann? Dazu gab es diese Woche endlich Auskunft. Am Mittwoch teilte der Kreis Viersen mit, dass Menschen mit Vorerkrankungen, die zur Priorisierungsgruppe 2 gehören, ab dem 6. April, also dem Dienstag nach Ostern, bei ihren Hausärzten Impftermine vereinbaren können (siehe Info-Kasten). Auch Karl-Heinz Schneider hat seine Hausärztin darauf angesprochen. Er solle mal mit dem Attest vorbeikommen und dann würde man weitersehen, habe sie gesagt. Denn konkrete Zusagen sind für die Ärzte noch schwierig.

Verschiedene Wertigkeiten
bei den Vorerkrankungen

„In den Praxen laufen die Telefone heiß“, sagt Dr. Arndt Berson, niedergelassener Arzt aus Kempen und Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung im Kreis. Es herrsche „großer Verdruss“. „Die Hausärzte konnten sich für 100 Impfdosen pro Praxis für die Woche ab dem 29. März bewerben. Dann sollten es nur noch 20 Dosen sein“, erzählt er. Nun sei der Start noch einmal um eine Woche verschoben worden, auf den 6.  April. Und wieviel Impfstoff dann kommen soll, das wisse aktuell noch niemand. Der Kreis kündigte aber bereits an, dass bislang nur „eine geringe Impfstoffmenge“ dazu zur Verfügung stehe. Womöglich also nur die zuletzt angekündigten 20 Dosen pro Praxis und Woche. Für 70 000 Vorerkrankte.

Auch deswegen sei es wichtig, die Hausärzte endlich ins Boot zu holen, so Berson. Denn Vorerkrankung ist nicht gleich Vorerkrankung und wer, wenn nicht die Hausärzte könnte das beurteilen? „Wir Ärzte sehen die Patienten und wissen, dass beispielsweise ein Patient mit schwerer chronischer Lungenerkrankung vorgezogen werden muss“, so Berson. Die Wertigkeiten der Erkrankungen müssten unterschieden werden, der ärztliche Sachverstand sei bislang viel zu kurz gekommen.

Immerhin: Im Dülkener Impfzentrum sollen in dieser und der kommenden Woche rund
11 000 Menschen geimpft werden. Für die Woche nach Ostern gebe es noch keine Zahlen der KV, so Kreissprecherin Laura Nestrojil. Auch alle AstraZeneca-Termine seien derzeit vergeben. Etwa 250 der insgesamt 1400 AstraZeneca-Termine seit Wiederaufnahme der Impfungen seien abgesagt worden oder ausgefallen. „Die entstandenen Kapazitäten wurden sofort wieder freigeschaltet“, so Nestrojil.

Karl-Heinz Schneider findet solche Nachrichten gut – nützen tun sie ihm und seiner Familie nicht. Sie warten weiter auf die Impfung. Und hoffen, dass das Virus nicht schneller ist.