Wülfrath: Der Lockruf des Ungewissen

Wülfrath: Der Lockruf des Ungewissen

Der 22 Jahre alte Max Krämer aus Wülfrath geht am Montag auf die Walz. Der Weg ist das Ziel des Zimmermanns.

Wülfrath. Sein Charlie ist bereits geschnürt. Hammer, Handsäge, Stechbeitel, Stoßaxt und Winkel sind fest darin eingewickelt, Arbeitskleidung und Schlafsack darum gebunden. Knapp 30 Kilo wiegt das Bündel, das für genau drei Jahre und einen Tag alles Hab und Gut des 22 Jahre alten Wülfrather Zimmermannes aufnimmt.

Fast antiquiert wirkt Max Krämer, als er seine Kluft anlegt, den Zylinder zurecht rückt und den Charlottenburger, wie das bunte Tuch genannt wird, unter den Arm nimmt. Drei Jahre lang hat sich Krämer vorbereitet.

Am Montag ist es nun so weit: Dann wird er sein festes Schuhwerk binden und der alten Tradition folgend losziehen. Auch wenn die Walz seit dem Spätmittelalter bis zur beginnenden Industrialisierung eine der Voraussetzungen für den Gesellen war, die Prüfung zum Meister beginnen zu dürfen, sind heute nur wenige der sogenannten Tippelbrüder unterwegs.

"Wenn man sich aber wie ich für die Wanderschaft interessiert, weiß man ganz genau, wo man sie finden kann", sagt Max. In verschiedenen Szene-Kneipen treffen sich die Wanderer, ruhen sich von einem langen Marsch aus oder informieren sich für den kommenden. "Da habe ich schon viele von ihnen kennen gelernt, die mir einiges vom Wandern erzählt haben."

Bis auf die gut gemeinten Tipps wie den, dass er sich bloß die Schuhe fest zuschnüren soll, wenn er draußen übernachtet, da sie sonst gestohlen würden, hat sich Max besonders eines zu Herzen genommen: "Jeder erlebt diese Zeit anders und verfolgt etwas anderes. Man weiß also nie, was als nächstes auf einen zukommen wird", sagt er.

Und wo liegt sein Ziel? "Ich gehe erst mal los. Der Rest wird sich von selbst ergeben." Neben neuen Arbeitspraktiken, die Krämer bei Zimmerleuten absolviert, will er viele fremde Orte, Regionen und Länder erkunden. Und auch wenn er keiner geplanten Route folgt, hat der Handwerker doch Absichten: "Nach Norwegen wäre toll. Und gerne würde ich auch nach Argentinien und Kanada reisen."

Besonders gespannt ist Max Krämer auch auf die verschiedenen Menschen, die er auf seiner Reise treffen wird: "Die Wanderer, auch Fremde genannt, ziehen oft zusammen. Da lernt man interessante Persönlichkeiten kennen."

Seine Freunde und Familie müssen erst einmal ohne ihn auskommen. Denn die Tippelei unterliegt strengen Regeln: So darf Krämer innerhalb seiner Reisezeit einen Bannkreis von 50 Kilometer um Wülfrath herum nicht betreten. "Ich werde schon einiges vermissen. Und da ich auch kein Handy bei mir haben darf, kann ich noch nicht einmal mit meinen Leuten telefonieren."

Umso mehr freut er sich schon jetzt auf die Besuche der Freunde: "Die haben sich schon abgesprochen, mich in Hamburg zu besuchen. Das ist die Wandergesellenstadt überhaupt!" Bequem wird’s trotzdem nicht. Jede Nacht ein warmes Bett? "Wenn ich nichts finde, muss ich eben auf der Straße oder in einer Scheune schlafen", erklärt Krämer. "Meine Mutter hat Angst, dass ich im Winter erfriere", sagt er lachend.

Dass ihm der Abschied nicht allzu leicht fällt, ist unübersehbar. Bei einer Abschiedsparty will er nicht nur einem Teil seines alten Lebens auf Wiedersehen sagen, sondern auch den neuen Lebensabschnitt willkommen heißen: "Ich habe viele Wandergesellen eingeladen. Dann werden wir Montag zusammen losziehen"

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