„Wir wollen den Kreis nicht mit Menschenmassen überfluten“

„Wir wollen den Kreis nicht mit Menschenmassen überfluten“

Gespräch mit Landrat Thomas Hendele über sanften Tourismus, die Marke Neanderland und die Auswirkung der Erkenntnis, dass mehr Pferde als Schweine gehalten werden.

Mettmann. Tourismus und Naherholung als Wirtschaftsfaktor: Schon heute lassen Gäste aus aller Welt 376 Millionen Euro im Kreis Mettmann — jährlich, „ohne dass dafür Geld in die Hand genommen wurde, um den Kreis zu bewerben“. Das soll sich ändern — wie Landrat Thomas Hendele im WZ-Gespräch bekräftigt. Er fordert eine „Neubestimmung dessen, was wir bisher im Kreis gemacht haben“.

Am Samstag wird in Heiligenhaus, Velbert, Wülfrath und Haan der Panoramaradweg eröffnet. Was hat der Monheimer davon?

Hendele: Es ist das größte Gemeinschaftsprojekt im Kreis Mettmann der letzten 30 Jahre und wird die Möglichkeiten der touristischen Freizeitgestaltung enorm erweitern. Wenn es der Monheimer gut plant, kann er mit der S-Bahn bis Hösel fahren und dort aufs Fahrrad umsteigen. Er hat dann mehrere Möglichkeiten, wieder gut und bequem nach Haus zu kommen.

Ist das Gemeinschaftsprojekt Panoramaradweg eine Blaupause für weitere Aktivitäten in der Naherholung?

Hendele: Genau. Die gemachten Erfahrungen in der Zusammenarbeit der Städte und des Kreises können wir nutzen, wenn wir weitere Projekte realisieren.

Welche zum Beispiel?

Hendele: Mit der Umsetzung des Neanderlandsteigs werden wir jetzt ganz konkret beginnen. Das ist die Vernetzung vorhandener Wanderwege, die durch alle zehn Städte des Kreises führen. Insgesamt werden wir uns auf drei Schwerpunkte konzentrieren: Fahrradfahren, Wandern und Reiten.

Reiten?

Hendele: Ja. Im Kreis Mettmann gibt es mehr Pferde als Schweine. Der Südkreis verfügt bereits über ein gut ausgebautes Reitwegenetz. Im Norden stellt sich das noch etwas schwierig da.

Woher kommt das neue Bewusstsein, dass der Kreis eine touristische Anziehungskraft ausübt?

Hendele: Seit der Eröffnung des neuen Neanderthal Museums Mitte der 1990er-Jahre haben wir per se 155 000 Gäste im Neandertal. Wir haben eine dichte Museumslandschaft und eine tolle Landschaft. Wir sind eine tierisch interessante Region. Und bei Veranstaltungen wie der Neanderland-Biennale stellen wir fest, dass immer mehr auswärtige Besucher kommen.

Tourismus ist aber auch Wirtschaftsförderung.

Hendele: Genau. Untersuchungen belegen, dass schon jetzt Gäste aus aller Welt jedes Jahr 376 Millionen Euro im Kreis ausgeben. Ohne dass wir dafür großartig Geld in die Hand genommen haben. Das ist ein Wirtschaftszweig.

Den Sie jetzt ausbauen wollen?

Hendele: Ja. Aber wir wollen den Kreis Mettmann nicht mit Menschenmassen überfluten. Wir setzen auf sanften Tourismus. Im Umkreis von 50 Kilometern rund um den Kreis leben elf Millionen Menschen. Wer schon 14 Mal am Fühlinger See war, der will auch mal was anderes sehen. Dann soll er zum Blauen See kommen. Und viele Menschen, die 50 Jahre und älter sind, wollen keine langen Anfahrtswege, um ihre Freizeit zu verbringen.

Für den Panoramaradweg gibt es ein Logo. Reit- und Wanderwege müssten ähnlich professionell vermarktet werden.

Hendele: Dafür brauchen wir ein Marketingkonzept unter der Marke Neanderland. Die Mittel dafür sind uns zugesagt, aber noch nicht bewilligt worden.

Und wie kann die Vermarktung des Neanderlands gelingen?

Hendele: Da ist nicht nur der Kreis, da sind auch die zehn Städte gefragt. Dafür brauchen wie eine zentrale Anlaufstelle. Alle, die ins Neanderland wollen, müssen dort alle Infos bekommen, die sie haben wollen und brauchen. Und auf Wunsch gibt es gleich ein komplettes Reisepaket. Dabei müssen alle mitziehen.

Was heißt das?

Hendele: Auch die Städte müssen Beiträge zum touristischen Angebot machen. Die gibt es zum Teil schon wie die Wasserski-Anlage in Langenfeld. Aber mich schmerzt zum Beispiel, dass in der schönen Schnapsbrennerei in Hilden nichts brennt.

Zurück ins Neandertal. Das Museum und sein Umfeld sollen verändert werden. Wann geht’s los?

Hendele: Der Masterplan sieht vor, dass wir 2012 beginnen müssen, um spätesten 2013 fertig zu sein. Herzstück ist der gläserne Aufzug vom Bahnhof ins Neandertal. Denn damit werden wir hoffentlich eine deutliche Verkehrsentlastung des Tals hinbekommen. Hochpfad, Info-Zentrum mit Rangern — all das gehört dazu.

Es ist bekannt, dass Sie sich fürs Neandertal ein Kongress-Zentrum vorstellen können.

Hendele. Ja. Denn das Museum ist nicht nur ein musealer Raum, sondern auch eine Forschungsstätte. Deshalb wäre es toll, wenn im Neandertal auch wissenschaftliche Kongresse ausgerichtet werden könnten. Dafür fehlt es heute noch an der Infrastruktur. Aber auch daran arbeiten wir.

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