Neviges : „Wir können nur Kirche“

Die Communauté Saint-Martin wird ab 1. September in der Pfarrei Maria Königin des Friedens sowie in der Wallfahrtsseelsorge tätig sein. Die Westdeutsche Zeitung stellte Abbé Thomas Diradourian als leitendem Pfarrer einige Fragen:

War Ihnen der Wallfahrtsort bekannt?

Abbé Thomas Diradourian: In Frankreich und Belgien hatten wir noch nichts von Neviges gehört. Darin besteht sicherlich unsere Mission: die Wallfahrt zur Mutter Gottes wieder weit über das Bergische Land hinaus bekannt zu machen.

Was bedeutet für Sie das Gnadenbild?

Diradourian: Als Priester aus Frankreich haben wir natürlich eine große Verehrung zur Unbefleckten Empfängnis von Lourdes. Umso größer ist die Freude, auch in Neviges in ihrem Dienst zu stehen. In Neviges heißt Maria auch Königin des Friedens – da fühlen wir uns schon im Sinne der deutsch-französischen Freundschaft natürlich nah dran. Darüber hinaus ist gerade im riesigen Mariendom das Bild der Gottesmutter ein Zeichen, dass Maria inmitten einer brutalen, oft gefährlichen Welt als Trösterin da ist. Diesen Trost wollen wir ­verbreiten.

Worauf werden Sie und Ihre Gemeinschaft Wert legen?

Diradourian: Wir fühlen uns sehr geehrt, dass das Erzbistum Köln uns eine Pfarrgemeinde und einen Wallfahrtsort anvertraut, die beide sehr lebendig sind, die ein eindrucksvolles geistliches Erbe aufweisen und die für eine Tradition der Zusammenarbeit stehen. Wir brauchen also das Rad nicht zu erfinden. Unser ganzer Ehrgeiz ist, in die Fußstapfen unserer Vorgänger zu treten. Da die Geschichte nun einmal aus Leben besteht, werden wir uns bemühen, die katholische Pfarrgemeinde von Neviges weiter aufzubauen, um den Mariendom herum geistliche und kulturelle Angebote zu entwickeln. Wir wollen einfach umsetzen, worum Kardinal Woelki uns gebeten hat: Einen „Beitrag zur Evangelisierung und Mission für so viele suchende Menschen“ zu geben.

Die Bevölkerung von Neviges ist mehrheitlich protestantisch. Wie halten Sie es mit der Ökumene?

Diradourian: Alle Getauften versuchen auf ihre Weise, Christus nachzufolgen. Wer gemeinsam dem Herrn folgt, kann gar nicht anders, als zu versuchen, in der Einheit zu wachsen. Das bedeutet Ökumene. Abbé Phil promoviert zur Zeit in Paderborn im Fach Ökumene, insofern sind wir nah am Thema.

Könnten Sie sich einen ökumenischen Gottesdienst im Dom vorstellen, unter Umständen mit einer evangelischen Pfarrerin?

Diradourian: Natürlich können wir uns ökumenische Gottesdienste vorstellen. Gerne auch mit evangelischen Pfarrerinnen, die zur Gottesmutter von Neviges pilgern. Und wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit der reformierten Gemeinde von Neviges.

Wie stehen Sie überhaupt zu Frauen im kirchlichen Dienst, zum Beispiel weibliche Messdiener?

Diradourian: Vor allem wünschen wir uns als Priester, dass möglichst viele Menschen im Dienst der Kirche mitwirken, jeder nach seinen Fähigkeiten. Dazu gibt es eine Unmenge Arbeit, die kein Priester allein stemmen kann und will. Wie in Frankreich und wahrscheinlich überall sind die präsentesten und eifrigsten Ehrenamtler meistens die Frauen. Auf ihr Engagement bauen wir fest. In Neviges gibt es eine starke Messdienerarbeit, von der wir schon gehört haben und die von Jungen und Mädchen aktiv getragen wird. Auch darauf zählen wir fest und freuen wir uns und wollen das ausbauen.

Welche Rolle von Laien
sehen Sie in der Gemeinde?

Diradourian: Laien und Priester stehen gemeinsam im Dienst der Kirche und sind aufeinander angewiesen. Das hat besonders das Zweite Vatikanische Konzil wieder hervorgehoben. Dabei geht es natürlich um die verschiedenen Dienste in der Pfarrei und Wallfahrt, dafür hoffen wir fest auf eine intensive Zusammenarbeit auf allen Ebenen. Doch die Arbeit steht an zweiter Stelle. An erster Stelle geht es darum, dass wir gemeinsam geistlich wachsen, Gott immer tiefer kennenlernen und uns gemeinsam zu ihm hinwenden und ihn anbeten.

Wie gehen Sie mit liberalen Tendenzen in der Gemeinde um, die über Jahrhunderte durch die Franzikaner geprägt wurde?

Diradourian: Die Wallfahrt und Pfarrei von Neviges verdanken den Franziskanern eigentlich ihre ganze Glaubensgeschichte der letzten dreihundert Jahre. Sie haben Christus verkündet und die Sakramente gespendet und waren gemeinsam mit den Leuten auf dem Weg zu Gott. Genau das ist auch unsere Mission und Leidenschaft. Unsere Gemeinschaft wurde in einem Kapuzinerkonvent in Genua gegründet und verdankt deshalb viel dem franziskanischen Geist der Fröhlichkeit und Einfachheit. Wie die Franziskaner machen auch wir keine Politik. „Wir können nur Kirche“, könnte man sagen. Darin gibt es viele Ausdrucksformen, die alle ihren Platz haben müssen und dürfen. Wir sind nicht konservativ, wir sind nicht liberal, wir sind katholisch.