Willi Münch entführt ins 19. Jahrhundert

Ehemaliger Kulturamtsleiter berichtete der Senioren-Union über alte Sitten und Bräuche.

Wülfrath. Über Menschen, Sitten und das Brauchtum im Niederbergischen hat der ehemalige Museums- und Kulturamtsleiter Willi Münch (86) beim letzten Treffen der Senioren-Union in diesem Jahr berichtet. In die Gaststätte „Altes Rathaus“ waren wetterbedingt nur gut ein Dutzend Mitglieder gekommen, unter anderem der ehemalige Bürgermeister Alois Huning, sie wurden aber mit einigen schönen Anekdoten für ihr Kommen belohnt.

Willi Münch entführte seine Zuhörer unter anderem in das Jahr 1854. Damals hatte ein Landrat den niederbergischen Menschen recht genau beschrieben — zumindest aus seiner Sicht. Er attestierte den Männern meist eine kräftige Konstitution, kritisierte aber ihren „häufigen Genuss von Branntwein“. Dass dies auch für die Wülfrather jeder Zeit zugetroffen haben muss, belegte Willi Münch mit einer eindrucksvollen Zahl: „Um 1900 gab es fünf dampfbetriebene Schnapsbrennereien in Wülfrath — und den Besitzern ging es gut.“

Die Frauen jener Zeit beschrieb der Landrat als durchgehend wohl gebaut, von einer starken Körperfülle gesegnet. Die „Einfachheit und Biederkeit“ der Frauen lobte der Landrat ausdrücklich, was in der Gegenwart für Gelächter bei den Mitgliedern der Senioren-Union sorgte. Bei den reicheren Klassen vermisste der Landrat Bildung und kritisierte die Anmaßung, mit der diese Bürger durchs Leben gingen. Den einfachen Bürgern wiederum warf er vor, dass ihnen „der Gehorsam gegenüber der Obrigkeit schwerfällt“ und sie deswegen häufig demonstrieren würden.

Willi Münch berichtete auch, wie der Tisch der Wülfrather Familien Mitte des 19. Jahrhunderts gedeckt war. Roggenbrot, Kartoffeln, Gemüse und ab und zu Schweinefleisch kamen auf den Tisch. „Fetter Speck war am teuersten, Kalbfleisch billig“, so Willi Münch. Das führte bei den Mitgliedern der Senioren-Union zu einer kleinen Ernährungsdebatte. „Habt ihr schon mal einen 100-jährigen Vegetarier gesehen?“, fragte ein Mann, der Kopfschütteln aus der Runde erntete. Willi Münch berichtete von Landwirten, die er vor 60 Jahren im Zuge von Recherchen befragt hatte. „Da waren einige dabei, die älter als 100 Jahre waren“, versicherte Willi Münch seinen Zuhörern. Und auch die sollen fetten Speck sehr geschätzt haben.

Wieder zurück in der Mitte des 19. Jahrhunderts, warf der Referent einen Blick auf die Nahrung der einfachen Bevölkerung im Winter. Es gab etwa Bohnen und Sauerkraut, sonntags Kartoffeln mit Speckwürfeln, recht karg also.

Auch vom 1859 in Wülfrath geborenen August Lomberg war die Rede. Er lebte zunächst in einem Fachwerkhäuschen in den Eschen, das noch in den 1970er Jahren existierte, wurde Eschenbube genannt, und war ab 1864 Schüler in der Kalkstadt. Später zog er mit seiner Frau nach Barmen und arbeitete als Lehrer in Elberfeld. Bemerkenswert an ihm ist, dass er die Feste jener Zeit beschrieb und für die Nachwelt erhielt. Für Wülfrather Kinder gab es zum Beispiel drei pro Jahr, zweimal Kirmes und eines am Nikolaustag. Der Nikolaus besuchte damals die Familien am Vortag des 6. Dezembers und hatte einen Sack mit Äpfeln und Nüssen dabei. Natürlich auch eine Rute, die auf manchem Kinderpopo landete.

Walter Brühland dankte Willi Münch für dessen Ausführungen und freute sich zum Jahresende, dass noch ein neues Mitglied gewonnen werden konnte. Die Senioren-Union hat damit wieder die erhoffte Zahl von 30 erreicht.