Wenn der Weg zur Zuflucht zu weit war

Bei Gefahr flüchteten die Menschen dereinst ins nächstgelegene Gotteshaus. Doch von den Bauerhöfen in der Region war der Weg oft zu weit. Die Bauern halfen sich mit Steingaden.

Wülfrath. Frühere Zeiten waren hart und gefährlich. Gerade zu der Zeit, als im 16. Jahrhundert das alte Faustrecht, also im Prinzip das Recht des Stärkeren, vorherrschte. Es galt, sich und die eigene Familie zu schützen, vor Krieg und vor Plünderung. Wer in einer Stadt wohnte, konnte — fielen zum Beispiel Feinde in den Ort ein — Schutz in der Kirche suchen. Auch in der Wülfrather Stadtkirche war Platz für Hab und Gut vorgesehen. Doch was, wenn der Wohnort zu weit von so einem schützenden Ort entfernt war? Dann musste man selbst für Zuflucht sorgen.

Wenn der Weg zur Zuflucht zu weit war

Wie zum Beispiel Bauern, die mit ihren Höfen zu weit von Kirche und Schutzraum entfernt waren, für sich sorgten, ist zum Teil noch heute erhalten. In sogenannten Steingaden konnten sie ihre Habseligkeiten oder auch sich selbst verstecken und so hoffen, unentdeckt und ungeplündert zu bleiben. Dabei handelt es sich um aus Bruchstein gemauerte Türme. Meist bestanden diese nur aus einem einzigen Raum. Dort wurden oft Vorräte verwahrt, manchmal wurden sie auch als Wohn- oder Schlafraum genutzt. Manche von ihnen hatten sogar Schießscharten, um sich gegen Angreifer zu wehren. Auf vielen bergischen Höfen sind diese Räume oder zumindest Mauerteile noch erhalten.

So zum Beispiel auf Gut Püttbach, heute Gut Pasch genannt. Das Gut wurde im Talzug des dem Eigener Bach zufließenden Roßbach gegründet und lässt sich etwa auf das 17. und 18. Jahrhundert datieren. Es gibt aber auch Teile der Gebäude, die bis ins Mittelalter zurückreichen. Nämlich Überreste eben dieser Wehr- und Speicherbauten, den Steingaden. Die restlichen Gebäudeteile wurden allerdings mit Backstein erneuert, andere Gebäudeteile, wie eine Fachwerkscheune, angebaut.

Ähnlich sieht es auch auf Gut Ewalds aus. Dieses ist bereits 1487 das erste Mal urkundlich erwähnt worden. Es liegt in der feuchten Talsenke des Flandersbaches, bevor dieser in den Angerbach mündet. Die ältesten Gebäudeteile, die noch erhalten sind, stammen wahrscheinlich aus dem 15. und 16. Jahrhundert — und gehören auch zu einem Steingaden, einem aus Bruchstein errichteten Turm. Dieser wurde aber wohl während des Dreißigjährigen Krieges zum Teil zerstört oder abgetragen. Die restlichen Mauern, die vom Steingaden übrig geblieben sind, wurden dann im Jahr 1632 in den Neubau miteinbezogen. Später, im 19. Jahrhundert, wurde der Hof noch um Wirtschaftsgebäude aus Backstein erweitert.

Besonders gut erhalten ist auch heute noch der Steingaden auf Gut Schwingenhaus. Er liegt zwischen dem Weg, der von den Fordwerken auf die Höhe bei Kocherscheid führt und dem Adelscheider Berg in einer feuchten Talmulde, wie es Willi Münch in seinem Buch über „Wülfrath — Ein heimatkundlicher Bericht“ in Wort und Bild, 1979 beschreibt.

Hier gab es einen zweigeschossigen Turm, der mit dem Wohnstallhaus verbunden war. Er war nur über den Herd-raum, also die Küche, durch eine eichene Tür mit einer Balkenriegelvorrichtung erreichbar. Die Süd- und die Westwand des Gadens hatten je zwei schießschartenartige Öffnungen. Auch den Aufgang zum oberen Geschoss kann man heute noch gut erkennen, wie ein kleiner lukenartiger Durchstieg in der hinteren Ecke des Erdgeschosses. Der Boden ist mit Sandsteinplatten belegt. Die sind aber — so vermutet es Münch in seinem Buch — erst im 18. oder frühen 19. Jahrhundert verlegt worden. Das Untergeschoss des Turmes wird bis heute als Vorratskammer genutzt, oben sind Wohnräume, daher sind dort mittlerweile Fenster eingebaut worden. Ob der Turm früher einmal weitere Geschosse hatte, lässt sich nicht eindeutig klären. Insgesamt ist diese Art von Bau jedoch typisch für die Höfe in der damaligen Zeit.