Wülfrath : Wenn am Tag drei Euro fürs Essen fehlen

Die Initiative „Kinder in Not“ fordert mehr Unterstützung für Familien am Existenzminimum – und hilft ihnen, wo sie kann.

. „Es gibt ein Thema, das mich sehr wütend macht. Es geht um arme Kinder, die einen Anspruch auf Gemeinschaftsverpflegung haben und auf Wunsch der Regierung zu Hause bleiben. Die 60 Euro pro Monat für die Gemeinschaftsverpflegung werden nicht den Familien überwiesen, sondern dem Jobcenter zurückerstattet.“ Wolfgang Peetz, Organisator der Initiative „Kinder in Not“, macht bei einer Pressekonferenz im DRK-Zentrum seinem Ärger Luft. Eine Mutter hat ihn weinend angerufen und geschildert, wie sehr ihrer Familie dieses Geld fehlt. „Wir sprechen vom absoluten Existenzminimum. Da ist die Mehrbelastung in Zeiten von Corona für diese Familien nicht zu tragen.“ Zum Glück gibt es viele spendenfreudige Wülfrather. Die Initiative „Kinder in Not“ konnte deswegen unter anderem 20-Euro-Einkaufsgutscheine finanzieren, die an betroffene Familien ausgegeben werden. 75 Kinder sind in Wülfrath aktuell ohne Gemeinschaftsverpflegung. Bei der Übergabe der Gutscheine ist „große Dankbarkeit“ zu erfahren.

„Eigentlich wäre nun der Zeitpunkt, das Jahresprogramm der Initiative vorzustellen. Nun müssen wir vor allem über das sprechen, was nicht geht“, so Wolfgang Peetz. Dazu gehören die Schwimmkurse, das Bildungstandem und vieles mehr. Auch das Vorhaben, jedem Kind ab vier Jahren zwei Jahre lang eine Mitgliedschaft in einem der Wülfrather Sportvereine zu finanzieren, liegt auf Eis. Zu den Vorhaben, die nicht wegen der Pandemie ausgefallen sind, zählt der kostenfreie Leseausweis für Kinder unter 14 Jahren. „Wir haben gerade die Rechnung für 2020 bekommen, 1848 Euro.168 Kinder haben einen Leseausweis erhalten.“ Wolfgang Peetz betont, dass die Initiative sehr gerne „für alles bezahlt, was mit Bildung zu tun hat“. Nur mit Bildung könne der Teufelskreis der Armut gebrochen werden.

Manche Eltern schicken die
Kinder nur drei Tage die Woche

Sabine van Ark, Leiterin des DRK-Kindergartens Farbenfroh“, berichtet vom Stand der Dinge in dieser Kita. „Wir haben aktuell eine Belegung von rund 40 Prozent, so wie die anderen Einrichtungen in Wülfrath auch.“ Es gebe zwar die Empfehlung der Bundesregierung, die Kinder möglichst Zuhause zu behalten, „aber jeder kann sein Kind schicken, nicht nur Eltern mit systemrelevanten Berufen wie beim ersten Lockdown“. Manche Kinder seien in der Kita besser aufgehoben als Zuhause, zum Beispiel wenn es Geschwister gibt, die Heimunterricht machen müssen. „Die Familien gehen sehr verantwortungsbewusst mit dem Thema um. Manche schicken ihre Kinder statt fünfmal nur dreimal in die Kita“, so die Erfahrung von Sabine van Ark.

Die Öffnungszeiten stellen für die Kita-Leiterin ein großes Problem dar. Die Mitarbeiterinnen haben eine 39-Stunden-Woche und die Kita hat normalerweise von 7 bis 16 Uhr geöffnet. Weil sich weder Erzieher noch Kindergruppen mischen dürfen, sind die Randzeiten zwischen 7 und 8 Uhr sowie von 15 bis 16 Uhr problematisch. Zudem widersprechen getrennte Gruppen jedem pädagogischen Ansatz. „Die Empfehlung des Ministeriums schiebt den Schwarzen Peter den Familien und den Kitas zu“, kritisiert Sabine van Ark. Sie berichtet von einigen persönlichen Schicksalen. So gibt es zum Beispiel eine Familie, deren Kinder laut U-Untersuchung auf jeden Fall eine Kita besuchen sollen, um ihre Deutschkenntnisse vor dem Beginn ihrer im Sommer bevorstehende Einschulung zu verbessern. Diese haben allerdings gefährdete Großeltern. Aus Angst, dass sie sich in der Kita mit Corona infizieren, bleiben sie Zuhause.

Sabine van Ark bedauert, dass das Kita-Jahr nicht richtig geplant werden kann. Während im Vorjahr die Wassergewöhnung ausgefallen ist, trifft es nun das Übernachtungsfest. Insgesamt kann die Bewegungs-Kita viele Vorhaben nicht umsetzen. Die Not macht erfinderisch. Die DRK-Kita „Farbenfroh“ wird in den nächsten Tagen an alle Kinder Karnevalstüten verteilen. Enthalten sind unter anderem Bastelvorlagen und Spielideen. „Der 15. Februar ist Rosenmontag, das soll nicht ganz untergehen“, sagt Sabine van Ark.