Vor 100 Jahren: Und plötzlich durften Frauen wählen

Ausstellung Frauenwahlrecht : Und plötzlich durften Frauen wählen

Eine Ausstellung informiert jetzt über die ersten weiblichen Abgeordneten im Deutschen Reich und auf dem Gebiet des heutigen Velberts.

„Das ist so aufwändig, daraus kann man ja gleich eine ganze Ausstellung machen.“ So reagierte Stadtarchivar Christoph Schotten, als die Velberter Gleichstellungsbeauftragte ihn bat, die Lebensdaten der ersten Frauen heraus zu suchen, die nach der Einführung des Frauenwahlrechtes in den Stadträten von Velbert, Neviges und Langenberg saßen. Der Hintergrund liegt in einem politischen Ereignis, das sich am 19. Januar zum 100. Mal jährt: Frauen durften erstmals wählen. Jahrzehnte lang hatten sich Frauen dafür eingesetzt und gefordert, endlich wählen zu dürfen. Nun war ein vierjähriger Krieg zu Ende, der Kaiser verschwand von der politischen Bühne, Not und Elend machten sich breit.

Fast schon nebenbei veröffentlichte am 12. November 1918 die provisorische Regierung in Berlin einen Aufruf an das deutsche Volk, wonach „fortan alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen“ vollzogen werden sollen. Marie Stritt, die Vorsitzende des Reichsverbandes für Frauenwahlrecht, sprach von einem Wunder, als es plötzlich von der der „übergangslosen Erhebung aus gänzlicher Rechtlosigkeit zu voller staatsbürgerlicher Freiheit“ kam. Die Frauen hatten nun das volle aktive und passive Wahlrecht.

Bei den Wahlen zu Verfassung gebenden deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919 standen zwei Frauen auf den Wahllisten im Velberter Wahlkreis, der bis in das heutige Wuppertal und Düsseldorf reichte, die später noch bekannter wurden. Helene Weber und Marie-Elisabeth Lüders hatten auch in der jungen Bundesrepublik großen Einfluss.

Die meisten Frauen wurden von den Sozialdemokraten aufgestellt

Weitere Wahlen folgten: Am 26. Januar 1919 zum preußischen Landtag, am 23. Februar die Kommunalwahl in Velbert, Neviges und Langenberg folgten am 2. März. Drei Frauen wurden in Velbert in die Stadtverordnetenversammlung gewählt, in Neviges war es eine, in Langenberg klappte es beim ersten Anlauf nicht, sondern erst fünf Jahre später. Die meisten Frauen wurden von den sozialistischen Parteien USPD und SPD aufgestellt. Vor allem die Sozialdemokraten erinnerten ihre potentiellen Wählerinnen, wem sie das Frauenwahlrecht zu verdanken hatten. Zu diesem Zweck gab es extra Wahlveranstaltungen für Frauen in verschiedenen Gaststätten.

Ida Bröcker legte bereits nach zehn Monaten ihr Mandat nieder

„Dennoch achtete man gerade bei den Sozialdemokraten darauf, dass die sicheren Plätze der Wahllisten mit Männern besetzt wurden“, fand Archivar Schotten heraus. Ida Bröcker stand auf Platz 12. Die 1876 geborene Hausfrau wurde im Februar 1919 für die SPD in die Stadtverordnetenversammlung gewählt, bereits zehn Monate später legte sie ihr Mandat nieder. Mit ihr wurde Hulda Wiemann, damals 30 Jahre alt, ebenfalls SPD, gewählt, sie verzichtet im Juli 1920 auf ihr Ehrenamt. „Alle Frauen hatten ihr Mandat nicht durchgehalten“, konstatiert Christoph Schotten. Elisabeth von der Heydt, die für die USPD in den Rat zog, hielt immerhin bis zum November 1921 durch. Die erste und einzige Frau, die für die USPD in die Nevigeser Stadtverordnetenversammlung einzog, war die 1854 in Cronenberg geborene Hausfrau Anna Küpper, die seit 1908 in Neviges lebte. Die 1931 verstorbene Hausfrau und Mutter von fünf Kindern, war in zahlreichen Gremien tätig, wie Wohlfahrts- und Gesundheitskommission, ebenso engagierte sie sich für Schulbildung und Jugendpflege, bis sie im Juni 1922 aus dem Rat ausschied.

An die 1887 geborene und 1976 verstorbene Maria Martels dürften sich noch viele ältere Nevigeser erinnern: Die ledige, katholische Lehrerin trat als eine der wenigen Frauen für die bürgerliche Zentrumspartei in Velbert an. Sie wurde zwar 1919 nicht gewählt, durch das Nachrückverfahren zog sie im Januar 1924 in die Velberter Stadtverordnetenversammlung ein. Bei den Neuwahlen im Mai desselben Jahres wurde sie nicht mehr aufgestellt.

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