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Langenberg: Viel Arbeit für ein paar Sekunden Segelflug

Langenberg : Viel Arbeit für ein paar Sekunden Segelflug

Bergischer Geschichtsverein: Jürgen Lohbeck referierte über den ehemaligen Segelflugplatz auf dem Wallmichrath. Das Interesse übertraf alle Erwartungen.

Mit so großem Andrang hatten Lohbeck und Jutta Scheidsteger, Vorsitzende des BGV nicht gerechnet. Mehr als 70 Besucher hatten sich zum Vortrag in der Langenberger Feuerwache eingefunden: Viele Langenberger, die den Flugbetrieb noch erlebt hatten, dazu mit etlichen aktiven oder ehemaligen Segelfliegern ein fachkundiges Publikum. Schon damals zog die Fliegerei die Menschen an, erläuterte Scheidsteger: „Bei Flugtagen kamen bis zu 3000 Besucher.“ Die zusammengetragenen Bilder dokumentieren, dass sich oft auch beim herkömmlichen Flugbetrieb viele Schaulustige einfanden. Nach einer Open-Air-­Veranstaltung zur Erinnerung an den ehemaligen Flugplatz mit mehr als 300 Besuchern wolle man das Thema noch mal aufgreifen, so Scheidsteger.

Segelflug erlebte nach Verbot von Motorflügen einen Aufschwung

Zum Einstieg gab Lohbeck, selber von 1978 bis 1986 beim Luftsportverein Velbert aktiv, einen Abriss über die Anfänge der Fliegerei vom Schneider von Ulm im Jahre 1811 über Otto Lilienthal und die Wright-Brüder bis zum Ersten Weltkrieg: „Der Einsatz als Waffe verschaffte dem Motorflug eine rasante Entwicklung.“ Als Folge verboten die Alliierten den Deutschen das motorisierte Fliegen – der bis dahin kaum entwickelte Segelflug erlebte einen Aufschwung: Ab 1920 auf der Wasserkuppe (Rhön), bis heute „Berg der Segelflieger“, in der Region etwa in Borkenberge. Ab 1923 gab es die ersten richtigen Segelflugzeuge, ab dem Jahr 1929 ­Leistungssegelflug.

Den Beginn auf dem Wallmichrath datiert Lohbeck auf den 8. September 1928: „Flieger aus Kupferdreh unternahmen auf der Suche nach einem Gelände in der Nähe erste Flugversuche.“ Der ausgedehnte Westhang 130 Meter über der Tallage bot optimale Möglichkeiten. Gestartet wurden die Schulgleiter vom Typ Schneider Grunau SG 38 (nach dem Produktionsjahr 1938), mit solch abenteuerlichen Bezeichnungen wie „Hol‘s der Teufel“ oder „Schädelspalter“ (wegen der vertikalen Stange vor dem Gesicht des Piloten) mit V-förmigen ­Gummiseilen.

Ein Dutzend Helfer – die als „Gummihunde“ bezeichnete Truppe an den Zugseilen plus Haltemannschaft – war erforderlich, um den Flieger in die Luft zu bringen. Nach anfangs maximal einer Minute endete der Gleitflug im Tal, dann waren wieder etliche Helfer vonnöten, um das rund 130 Kilogramm schwere Flugzeug den Hang hinaufzuschaffen. Manche Landung endete mit Bruch: „Am Wallmichrath ist aber nie jemand ernsthaft zu Schaden gekommen“, so Lohbeck. Der laut Zeitungsbericht „beste Segelflugplatz des Bergischen Landes“ blühte auf, Fliegergruppen aus der ganzen Region nutzten ihn. Zwei Hallen und ein zur Gaststätte umgenutztes Wohnhaus bildeten die Infrastruktur.

NS-Fliegerkorps bereiteten
auf die Reichsluftwaffe vor

Die Gleichschaltung unter den Nationalsozialisten bedeutete das Ende der Vereine, im Nationalsozialistischen Fliegerkorps lagen die Schwerpunkte auf der Vorbereitung für die Luftwaffe. Ende 1944 war auf dem Wallmichrath Schluss mit der Segelfliegerei. Nach Kriegsende waren die Alliierten konsequenter als 27 Jahre zuvor – sie verboten jegliches Fliegen. Die verbliebenen sechs Segelflugzeuge waren verschollen, als 1951 das Verbot gelockert und auch in Langenberg wieder geflogen wurde. Doch schon 1952 endete endgültig die Ära des Segelflugs auf dem Wallmichrath – der Start mit Gummiseilen war nicht mehr zeitgemäß, und für Windenstarts und erst recht Flugzeug- oder Autoschlepp war das Gelände, das heute komplett bewaldet ist, vollkommen ungeeignet.

„Ein ganz toller Vortrag“, fand Guido Obermüller, der Lohbeck aus dessen Fliegerzeit kennt. Unvorstellbar sei die bis Anfang der fünfziger Jahre praktizierte Allein-Schulung: „Heute sitzt immer ein Fluglehrer dabei“, erläutert der Velberter, selber seit vielen Jahren Ausbilder. Peter Martens ist seit 1961 Mitglied im LSV und heute dessen Ehrenvorsitzender. Der 90-Jährige hat noch viele der Segelflieger kennengelernt, die früher auf dem Wallmichrath flogen, und er kennt deren Geschichten: „Damals mussten zum Beispiel die Flugzeuge zu Fuß nach Velbert in die Werkstatt gebracht werden. Das war jedes Mal ein ziemlicher Aufwand.“ Vielfach wurde die Fliegerei Familientradition: Auch Adalbert Graf habe seine ersten Flugversuche auf dem Wallmichrath unternommen, berichtet Sohn Axel. Der Vater engagierte sich später über Jahrzehnte im Sportflug Niederberg in Meiersberg, während Axel Graf dort als Jugendlicher mit dem Segelflug begann und dabei seine spätere Ehefrau kennenlernte. Mit den beiden Kindern des 55-jährigen Heiligenhausers sitzt bereits die nächste Generation im Cockpit.