Wülfrath Gudula Kohn : „Ich weiß, was ich total vermissen werde“

. Benjamin ist Gudula Kohn, bis zum 31. Juli Gleichstellungsbeauftragte und Netzwerkkoordinatorin der Frühen Hilfen in Wülfrath, im Gedächtnis geblieben. Der damals kleine Junge war Mitte der 1980er-Jahre mal eigenmächtig aus der Kita in Schöller ausgebüchst.

Gudula Kohn war dort Leiterin der Einrichtung. In Pantoffeln hatte Benjamin sich auf den Weg nach Hause in Hahnenfurth gemacht, immerhin eine Strecke von rund einem Kilometer. Die Aufregung legte sich aber schnell. „Der Landbriefträger hat den Jungen zu uns gebracht. Er hat gesagt, dass es ja wohl nicht richtig sein könnte, dass der Benjamin in Pantoffeln nach Hahnenfurth marschiert“, erinnert sich Gudula Kohn mit einem Schmunzeln. Gerade in letzter Zeit hat sie oft an ihre berufliche Vergangenheit gedacht. Am 31. Juli hatte sie ihren letzten Arbeitstag, nach 45 Jahren insgesamt und davon 30 in Wülfrath.

„Ich weiß, was ich total vermissen werde“, sagt sie. „Die Spannung wird mir fehlen, etwas zu beginnen und nicht zu wissen, wie es ausgeht.“ Selbst als sie ihre Kinderbücher geschrieben hat, habe sie am Anfang nie gewusst, wie sie ausgehen werden. „Das hat sich beim Schreiben ergeben.“ Sie hat es in ihrem Beruf genossen, Familien und insbesondere Kinder zu unterstützen, Arbeitsprozesse zu verbessern. „Das war für mich keine Arbeit, das war ein Traumjob“, versichert Gudula Kohn.

Als Arbeiterkind aus Wuppertal liegt ihr besonders die Bekämpfung der immer noch vorhandenen Kinderarmut am Herzen. „Meine Mutter hat geweint, als sie den Diercke-Atlas für meinen Schulunterricht kaufen musste. Meine Eltern hatten das Geld nicht“, so ihre eigene Erfahrung. Heute ist sie stolz, dass die erste Armutskonferenz in Wülfrath im Jahr 2016 ein so großer Erfolg geworden ist. „Der Rat hat ein Leitbild für Prävention beschlossen, es gab einen Konsens quer durch die Politik.“

Auch die Aktion „Kleine Füße“ hat landesweit für Aufsehen gesorgt. Das hätte sie sich zum Beginn ihrer Laufbahn im Jahr 1973 nicht träumen lassen. „Damals musste ich Schürze tragen, mich um Babys kümmern, sie bei exakt 37 Grad baden“, erinnert sich Gudula Kohn. Und auch an kämpferische Tage. Bereits 1977 hatte sie zusammen mit Kolleginnen für bessere Arbeitsbedingungen protestiert.

Am Anfang ihres Engagements in Wülfrath stand der damalige Jugendamtsleiter Hans-Werner van Hueth. „Er hat mich unterstützt, dass ich die Stelle in der Ellenbeek bekomme. Als ich von Schöller nach Wülfrath gezogen bin, war Hans-Werner van Hueth mein erster Kontakt“, sagt Gudula Kohn dankbar. Er habe ihr viele Freiräume gelassen und großes Vertrauen entgegengebracht, genau wie später die Jugendamtsleiterin Bärbel Habermann oder Dezernentin Michaele Berster.

Familienzentrum ist ein Meilenstein ihres Berufslebens

Das heutige Familienzentrum in der Ellenbeek könnte man getrost auch in Gudula-Kohn-Zentrum umbenennen, so wesentlich hat sie dort die zunächst einfachen Strukturen professionalisiert. In Gedanken sei Hans-Werner van Hueth „für mich immer mitgelaufen, auch wenn er schon im Ruhestand war“, sagt Gudula Kohn.

Neben dieser wichtigen Säule in ihrem Berufsleben sei die zweite die Wülfrather Bevölkerung. „Wenn wir über Projekte informiert haben, kamen immer viele aus den unterschiedlichsten Richtungen zusammen. Es gab immer eine hohe Bereitschaft, sich zu engagieren“, lobt die Neu-Ruheständlerin. „Alleine kann ich nichts bewerkstelligen“, so ihr Fazit. Auch die Zusammenarbeit mit den Kollegen zählt Gudula Kohn zu den großen Pluspunkten ihres Berufslebens. Ein kleines Dankeschön geht auch an die „schreibende Zunft“. Gudula Kohn habe sich von dieser Seite her immer sehr gut unterstützt gefühlt.

Natürlich haben sich die Geschenke zum Abschied gehäuft. Die Netzwerkfrauen haben ein Netz überreicht, an dem Päckchen hängen und Karten. Aus den Reihen der Gleichstellungsbeauftragten gab es gleich einen Karton mit Geschenken. Viele weitere stehen bei Gudula Kohn Zuhause. Die Corona-Pandemie verhagelt etwas ihren Abschied. „Ich konnte nicht mit vielen Menschen auf einmal zusammenkommen, also bleibt es bei kleinen Kreisen.“ Sie wird sich aber bei allen schriftlich bedanken, die an sie gedacht haben.

Dem Ruhestand sieht
sie gelassen entgegen

Genaue Pläne für den Ruhestand hat Gudula Kohn nicht. „Das Leben passiert sowieso“, lautet ihre Begründung. In zwei Wochen steht allerdings der Sommerurlaub an. „Wir fahren zum Zelten nach Franken“, verrät sie. Zwischen Würzburg und Nürnberg lebt auch ihr Sohn, der eine Tochter hat. Auf das Wiedersehen mit ihrer Familie freut sich Gudula Kohn besonders. In hiesigen Breiten interessiert sie die Engels-Ausstellung in Wuppertal.

Gudula Kohn wäre nicht Gudula Kohn, wenn sie nicht ihre Nachfolge geklärt hätte. Stadtsprecherin Franca Calvano übernimmt den Posten der Gleichstellungsbeauftragten (die WZ berichtete). Aus der Netzwerkkoordinatorin wird bei gleichen Aufgaben ein Präventionsbüro, dessen Besetzung zum Teil feststeht. Die Namen werden aber noch nicht verraten. Nur so viel, dass Gudula Kohn sehr einverstanden mit der Lösung ist.