Ratingen: Wenn Partner Täter werden

Aktionstage der Stadt Ratingen sollen für das Thema häusliche Gewalt sensibilisieren.

Ratingen. Eine Zimmertür wird zugeschlagen, ein Schrei durchbricht die nächtliche Ruhe. Durch die Wand ist zu hören, wie ein wütender Mann eine Frau anschreit. Sie schreit zurück - schrill, verängstigt. 35 Fälle von häuslicher Gewalt sind im vergangenem Jahr in Ratingen zur Anzeige gebracht worden. Für das Jahr 2008 wird eine nahezu unverändert hohe Fallzahl erwartet. Die Dunkelziffer liegt weit darüber. Mit Aktionstagen möchte die Stadt Ratingen die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren und Betroffene über örtliche Hilfsangebote informieren.

"In 90 bis 95 Prozent aller Fälle im Bereich der häuslichen Gewalt sind Frauen betroffen", weiß Kriminalhauptkommissarin Romana Mühlsiepen. Von den 35 Anzeigen im vergangenen Jahr seien etwa 70 Prozent zurückgezogen worden. Der Grund: "Frauen stehen zumeist in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Partner. Sie müssen mit dem Menschen zusammenleben, haben vielleicht auch gemeinsame Kinder. Da fällt es schwer, den letzten Schritt zu gehen und den Partner vor Gericht zu bringen", erklärt Mühlsiepen.

"Die Dunkelziffern ist unglaublich hoch", weiß auch Gesche Hansmeier, stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. Viele Frauen würden ihrem Partner immer wieder verzeihen, sich die Beziehung und das Verhalten des Mannes schönreden - und erst nach dem zehnten Rückfall des Mannes aktiv Hilfe suchen. "Etwa einmal im Monat steht eine Frau in meinem Büro, die sich von ihrem Mann bedroht fühlt und nicht weiter weiß", so Hansmeier. Doch meist wüssten die Frauen nicht, an wen sie sich mit ihrem Problem wenden können - und würden aus Hilfslosigkeit immer häufiger in die Armen des gewalttätigen Mannes zurückkehren.

Die Stadt reagiert: Mit Aktionstagen sollen nicht nur andere - potenzielle Helfer - für das Thema sensibilisiert, sondern auch Betroffene über Hilfsmöglichkeiten informiert werden. "Um der Dunkelziffer auf die Spur zu kommen, sind Beratungsstellen und Polizei auf Nachbarn, Freunde oder Familienmitglieder von Betroffenen angewiesen", sagt Hansmeier. An den Aktionstagen werden also nicht nur Opfer selbst, sondern auch Mitmenschen über Ansprechpartner und Unterstützungsmöglichkeiten informiert. "Es gibt in Ratingen ein großes Netzwerk von Hilfsangeboten: Diakonie, Sozialdienst katholischer Frauen, Frauenhaus - und wenn Kinder betroffen sind auch Kinderschutzbund und Jugendamt", erklärt Hansmeier.

In diesem Jahr liegt der Themenschwerpunkt der Aktionsstage, die von der Gleichstellungsstelle in Zusammenarbeit mit dem Runden Tisch organisiert werden, bei den von Gewalt betroffenen Migrantinnen. "Nach einer neuen Studie der Bundesregierung werden heute immer mehr Migrantinnen als Deutsche zu Opfern häuslicher Gewalt", verdeutlicht Hansmeier. Zudem seien die Formen und Auswirkungen der Gewalt ganz andere. Das Familiennetzwerk verhindere in vielen Fällen einen Ausbruch aus dem Kreislauf. "Selbst wenn sich die Frau von dem Mann trennen kann, übernehmen dessen Familienmitglieder seine Rolle", so Hansmeier. Außerdem seien Migrantinnen wegen ihrer eingeschränkten Sprachkenntnisse noch hilfloser, wüssten nicht, an welche Stellen sie sich wenden können.

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